kaliban.org Jul 1 2003

by Gunnar on 1. Juli 2003 · 9 comments

Italienischer Verkehr

Generell verhalten sich die Italiener gegenüber der Straßenverkehrsordnung (von der wir annehmen, dass sie auch in Italien existiert — wozu sonst die ganzen Schilder?) so wie die Schweizer gegenüber dem Hut von Geßler; wie ein unterdrücktes Volk gegenüber den Vorschriften der Besatzer: Man hält sich hin und wieder mal dran, um guten Willen zu beweisen, lässt aber sofort davon ab, sobald man unter sich ist — oder einfach einen schlechten Tag hat. Oder Geburtstag. Oder ein ungerades Datum ist.
Beginnen wir mit dem Blinker: Der italienische Blinker funktioniert nur links. Und zeigt mehr so allgemein den Gefühlszustand des Fahrers an, weniger den Wunsch zu einem Richtungswechsel. Meist dient er als Signal, dass man jetzt gerade mal eine Weile zwischen den Spuren fahren würde. Nur zweimal haben wir erlebt, dass Italiener im deutschen Sinne korrekt geblinkt haben (also links beim Ausscheren und rechts beim Einscheren) — beide Male waren wir zu rasch zu dicht aufgefahren. Unsere Arbeitshypothese: Unter Stress fällt den Italienern wieder ein, wie das Blinken geht. Weitere Experimente konnten diese Hypothese aber nicht erhärten. Womit wir beim Thema Autobahn wären — um auf der italienischen Autobahn nicht verrückt zu werden, muss man sich von der deutschen Auffassung verabschieden, dass die linke der beiden Spuren zum Überholen da ist. Die lässigen Südländer füllen beide Spuren gleichmäßig und fahren da, wo’s schneller geht. Ist anstrengend, aber irgendwie effizient.
Schlimmer ist der Verkehr in den Städten, vor allem, weil jeder Italiener ein Moped besitzt. Für die Zweiräder gelten, das scheint allgemeiner Konsens, die normalen Verkehrregeln nicht. Der florentinische Rollerfahrer verhält sich bei ein Göttinger Fahrradfahrer mit Turbo: Er rast mit 65 rechts vom Verkehr durch die Straße, ignoriert Lichtsignale, jagt dann auf den Zebrastreifen, um leicht abgebremst so zu tun, als sei er ein Fußgänger. Gruselig, wenn man in Deutschland fahren gelernt hat. Aber man gewöhnt sich nach einiger Zeit einen flotteren Fahrstil an — und achtet mehr auf den restlichen Verkehr. Muss man ja. Ist insofern ganz unterhaltsam.

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