Als der Lynchmob bei mir klingelte

by Gunnar on 30. August 2003 · 15 comments

Ich war bereits früh am Abend über der Lektüre einer Konkurrenzzeitschrift in sanften Halbschlaf gesunken. Da drangen schwach ungewohnte Geräusche an mein Ohr: Schreie, Trommeln, das Schlagen von Metall auf Metall. “Klingt erstaunlich nahe”, dachte ich noch bei mir, da schellte die Türglocke. Ich schlurfte zur Pforte, öffnete, und draußen stand ein Lynchmob. Teils maskierte Männer mit Mistgabeln, gespitzten Stöcken, Schrotflinten drängten sich im Flur; der Rauch ihrer rußenden Fackeln schwärzte die schon lang nicht mehr gestrichene Decke noch weiter. Ich ließ meinen Blick über die Gruppe schweifen und suchte nach dem Rädelsführer. In der Mitte stand ein langer Kerl mit schwarzen Bartstoppeln, schiefer Haltung und einem impertinenten Blick — ich fixierte ihn und räusperte mich überdeutlich. Das nahm er als Aufforderung: “Gib den Doktor heraus!” stieß er hervor. “Welchen Doktor?” fragte ich zurück. “Frankenstein!” schnarrte er. Aus dem Mob kamen aufmunternde Rufe: “Lass dich nicht abwimmeln!”; “Wir wollen den Doktor!” Ich lehnte mich an den Türrahmen und inspizierte eine halbe Minute lang einen schlecht ausgebesserten Kratzer im Holz. “Der wohnt hier nicht, ihr Idioten”, sagte ich schließlich. “Hier ist Daiserstraße 47, Frankenstein wohnt in der 147, das ist das Anwesen auf dem Hügel, in dem immer die Blitze einschlagen. Mit den Fallgruben im Vorgarten.” Es dämmerte auf dem stumpfen Gesicht des Rädelsführers. “Entschuldigung” presste er hervor; die andere Mobteilnehmer drängten bereits wieder auf die Straße zurück. Ich schlug die Tür zu und griff zum Telefon. “Herr Frankenstein? Bei mir war schon wieder ein Mob, der müsste in zehn Minuten bei ihnen sein. Nur zur Vorwarnung. Nein, nichts zu danken.” sagte ich und hängte wieder ein. Die sollte man verbieten, diese Lynchmobs.

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