Wie sich Sauron bei mir beworben hat

by Gunnar on 13. August 2003 · 14 comments

So ist das natürlich nie passiert.

Als ich morgens ins Büro kam, war er schon da. Dein Bewerber sitzt schon drin, flüsterte meine Assistentin und zuckte mit den Achseln, eine Geste, die sagen soll, dass sie auch nichts dafür könne. Ich trat ein, und da saß er: Die mächtigen Hände auf dem Besuchertisch, flammende Augen, der Stuhl unter seinem Gewicht knirschend. Seine Kleidung erinnerte mich an einen Teilnehmer eines Liverollenspiels (“Minuspunkt”, dachte ich bei mir), aber seine Haltung war devot. Von der ganzen Gestalt schien leichter Dampf aufzusteigen.

“Wollen Sie rauchen?” fragte ich, um etwas zu sagen. Er schüttelte den Kopf. “Wasser? Saft?” Er schüttelte wieder den Kopf und deutete auf die Kaffeetasse vor ihm. “Okay”, sagte ich, “warum haben Sie sich bei uns beworben?” Er schaute zu Boden, nahm einen leise zischenden Schluck aus der Tasse und antwortete heiser: “Ich brauche einen Job. Egal, welchen. Es muss keine leitende Funktion mehr sein.” “Gut”, sagte ich, “aber können Sie schreiben?” Er bückte sich ächzend und zog ein dickes Buch aus einer abgewetzten, leicht angebrannt aussehenden Ledertasche. “Hier, das habe ich redigiert. Und viele Passagen selber geschrieben”. Ich schaute auf den Einband und vermied sorgfältig, den Wälzer zu berühren. “Schmiedekunst oder die Macht von Ringen” stand in altmodischer Schrift auf dem Cover. Er schaute mich erwartungsvoll an. Ich wünschte, er möge gehen. Schweißtropfen standen mir auf der Stirn — ob der Thermostat kaputt war?

Ich stand auf, öffnete ein Fenster und stellte die Frage, die alle fachfremden Bewerber vertreibt: “Wir sieht es denn mit ihrer Erfahrung im Spielejournalismus aus?” Ich legte alle Härte in meine Stimme, zu der ich fähig war. Und schob nach: “Und nennen Sie mir doch ohne zu überlegen die drei besten Megadrive-Spiele, die Sie kennen.” Seine Haltung sackte noch ein wenig mehr zusammen. “Ich…”, begann er. “Ja?”, hakte ich nach. “Ich habe keine Erfahrung in diesem Bereich”, seine Stimme wurde ganz klein, “und ich weiß nicht, was ein Megadive ist. Es ist wohl besser, wenn ich jetzt gehe”. Ich schwieg. Als er aus der Tür war, entfuhr mir ein Seufzer.
Ich habe ihn nie wieder gesehen, aber angeblich ist er beim Focus gelandet und macht da den Bereich Außenpolitik. Liegt ihm sicher mehr.

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