kaliban.org Dec 26 2003

by Gunnar on 26. Dezember 2003 · 13 comments

Fingerübung: Melodramatischer Krimi

Ich erwache zum täglichen Kopfschmerz. Die Jalousien halten das meiste Licht draußen in der Welt, hier drinnen sind die grünen Zahlen des Weckers die Sonne — und schon das ist zu viel Helligkeit. Ich taste halbblind über den Boden neben dem Bett, finde die Whiskeyflasche. Leer. Natürlich. Egal. Ich finde eine Zigarette, zünde sie an. Spüre, wie der Rauch das Pfeifen in den Lungen betäubt. Neben mir kämpft sich Rita aus den Trümmern des Schlafes an die Oberfläche und nimmt mir die Zigarette weg. Sie zieht gierig, ich streiche ihr die wirren blonden Strähnen aus dem Gesicht. Ich versuche, meine Zigarette zurückzuerobern, sie lächelt überrascht, was die Falten um ihre Mundwinkel glättet und ihren Blick sexy macht. Wir rangeln, geraten in die Nähe zum Sex, dann schiebt sie mich weg. Und steht auf. Ich schaue ihr hinterher, als zum Klo geht. Dort setzt sie sich hin und raucht meine Zigarette zuende. Ich kann ihr zusehen, nie schließt sie die Tür. Aber ich fische lieber noch einen Glimmstengel aus dem fast leeren Päckchen. Die Zigarettenlänge ist meine letzte Distanz zum Tag. Die Zentimeter schrumpfen, die verantwortungslose Zeit schmilzt zusammen, dann ist es soweit: Ich schäle mich aus den Laken, suche meinen schwarzen Anzug, den Hut, den Revolver. Es ist Zeit für die Straße. Zeit, jemanden zu töten.

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