kaliban.org Apr 18 2004

by Gunnar on 18. April 2004 · 9 comments

Wer schreibt, bleibt

Es gibt so viele Leute, die schreiben. Journalisten zuvorderst – schreiben so kleine, gut beobachtete Stücke in gefälliger Sprache, manchmal sogar mit ein, zwei stilistischen Tricks. Manche von ihnen, die besser sind als ich, bringen es bis in die Buchform: Benjamin von Stuckrad-Barre, Florian Illies oder Axel Hacke etwa. Aber dennoch, bei allem, was sie schreiben, bleiben sie Journalisten und verfassen eben immer wieder nur so kleine, gut beobachtete Stücke in gefälliger Sprache. Mit ein, zwei stilistischen Tricks. Versuchen sie doch einmal einen Roman, geht das gern schief, wie bei Barres lahmem »Soloalbum« oder Osangs fehlkonstruiertem »Die Nachrichten«. Ich denke dann immer, so weit ist das nicht über meinen Fähigkeiten und bekomme Lust, es auch zu versuchen und dann…
…lese ich mal wieder was von einem richtigen Schriftsteller. Wie heute etwa zwei Kurzgeschichten von Orson Scott Card. Ich kann mir vorstellen, wie ein Gespräch verläuft, kann es konstruieren, kann versuchen, Stimmen für die Dialogpartner zu finden. Card hingegen kann die ganze Komplexität eines Gesprächs, mit allen potenziellen Missverständnissen und unterschiedlichen Informationslagen sowie kollidierenden Gefühlswelten, so simulieren, dass obendrein beim Leser in der richtigen Reihenfolge die richtigen Ideen im Kopf entstehen. Unglaublich, wie brillant der zuweilen ist. Und wie weit vor so vielen anderen, die in seinem oder anderen literarischen Feldern vor sich hin dilettieren. Wenn ich ihn lese, habe ich plötzlich wieder für Wochen ein ganz realistisches Selbstbild. Würden seine Romane nicht in der Zukunft spielen, sondern, sagen wir, das entbehrungsreiche Leben russischer Einwanderer in den Großstädten der US-Ostküste mit den Ansichten des weißen Geldadels konstrastieren, wäre er schon lange für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen. Und wäre er obendrein noch, sagen wir, weißrussischer Dissident mit estnischen Vorfahren, der nach Island geflohen ist, hätte er ihn auch bekommen.

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