Chronik eines angekündigten Todes

by Gunnar on 6. Juni 2004 · 9 comments

Als es schon zu spät war...

Die Anzeichen für eine lebensbedrohliche Krankheit häuften sich bei der Patientin schon im letzten Jahr: Vielen von dem, was ihre Persönlichkeit ausgemacht hatte, ging verloren; die Ärzte überboten sich mit durchsichtigen Versuchen, die Patientin so zu verändern, dass sie anderen ähnlicher würde, auf dass die Krankheit (Auflagenschwund, Anzeigenmangel) an ihr vorbeigehen und jemand anderen erfassen möge. Die Rede ist von der Frauenzeitschrift Allegra, die mit der am 12.6.2004 erscheinenden Ausgabe eingestellt wird. Was schade ist, wenn man sich erinnert, wie brillant das Heft einmal gewesen ist. Allegra war eines der wenigen Autorenblätter, auf dessen Seiten sprachgewandte und freidenkende Journalisten sich unbeeindruckt von Verlagsräson austobten, wobei die Philosophie war, die Texte fremder Federn so wenig wie möglich zu redigieren, um den ursprünglichen Geist zu erhalten. Das bescherte uns viele schöne sprachliche Bilder, ungewöhnliche Formate, spannende Interviews.
Bis dann die handtaschengroße, inhaltlich platte Glamour auf den Markt kam. Und mit fast 400.000 verkaufte Auflage fast alle Konkurrenten hinweg fegte. Von da an wurde bei Allegra, vermutlich in einer Mischung aus verständlicher Panik und berufsbedingtem Aktionismus des Herausgebers Nikolas Marten, vieles falsch gemacht: hektische Preissenkungen, Spielereien mit dem Heftformat, das Cover (vorher am Kiosk sehr auffällig) verödete man genauso bunt und steril wie das anderer Frauenzeitschriften, inhaltlich stürzte es immer weiter ins allzu Gewöhnliche: Tipps, Mode, Schminke, Tralala. Unterstützt von einem eher unlockeren Innnenlayout, ging der Zauber verloren, der Zauber, mit einer intelligenten Zeitschrift ins Leben anderer Menschen zu blicken, die ein bisschen so sind wie man selber.
Das war’s dann mit den deutschen Frauenzeitschriften: Alles, was bleibt, ist die repetierte Beantwortung der immergleichen Fragen — Wie habe ich besseren Sex, wie nehme ich schneller ab, welche Haarfarbe passt zu meinem Teint und so weiter und so fort. All das in den üblichen Zyklen — der ehemalige Chefredakteur der Brigitte sagte mir einmal: Wir dicken die Frauen in der Weihnachtszeit mit Rezepten an, damit unser Artikel zur Frühjahrsdiät auch gelesen wird. So ist es und so bleibt es. Schade um die Allegra.

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