Das bewohnte Grab

by Gunnar on 6. August 2005 · 3 comments

Irisches Tagebuch, Teil 3

Das bewohnte Grab
Ein Bild, das mir so typisch erscheint, dass es auf Jahre hinaus meine Erinnerung an Irland prägen wird: Wir sind auf einem dieser Friedhöfe, liebenswert in seiner Vernachlässigung. Grabsteine und keltische Kreuze stehen krumm, Inschriften sind vielfach verwittert. Modern und uralt mischt sich in unbekümmerter Selbstverständlichkeit; so schön die alten Kreuze, so hässlich die neuen Steine aus schwarzem Marmor. Ausgeblichene Plastikblumen kämpfen einen vergeblichen Kampf gegen das Vergessen, Gras überwuchert den ganzen Platz, Wege sind nur noch zu erahnen. Mit einer Mischung aus Ehrfurcht vor dem Zweck dieses Ortes und touristischem Entdeckergefühl gehen wir gemessen über den Friedhof, lesen jede Schrift, weisen uns auf ungewöhnliche Lebensalter oder Todesdaten hin. In der Mitte liegt ein umzäuntes Massengrab, für zwei Dutzend Menschen, die wohl bei einem Bootsunglück gestorben sind, who were accidentally drowned nennt es der schlichte Stein. Dahinter nun das Bild, von dem ich eingangs sprach: Das größte Grab hat eine unkrautbewachsene, von einem Steinkranz eingefasste Platte. Darauf liegt, an den Rand geschmiegt und gelassen kauend, ein Schaf. Schwarzgesichtig, krummhörnig schnappt es von Zeit zu Zeit nach nahen Grasbüscheln und wirft uns schräge Blicke zu, ohne Beunruhigung. Es lebt in dem festen Bewusstsein, hier, auf diesem Friedhof, auf diesem Grab, an der richtigen Stelle zu sein. Nicht einmal auf das fragende Blöken anderer Schafe von benachbarten Wiesen geruht es zu antworten. Erst als wir zu nahe herankommen, verliert es seine Nonchalance und bereitet halbherzig die Flucht vor. Wir zucken zurück, als das geruhsame Bild vom Schaf auf dem Grab durch unsere Anwesenheit zerstört zu werden droht und wenden uns ab. Als wir aus der Ferne einen Blick zurück werfen, ist alles wieder so, wie wir es vorgefunden haben. Schaf und Grab in ihren korrekten Positionen.

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