kaliban.org Aug 11 2005

by Gunnar on 11. August 2005 · 0 comments

Irisches Tagebuch, Teil 9

In the Middle of Nirgendwo I
Je nach eigener Position ist unser Leben im irischen Cottage ein Traum oder ein Alptraum. Kein Fernsehen, kein Internet, kein Geschirrspüler, kein Kaffeevollautomat, auf so was meint man verzichten zu können, als moderner gehetzter Mensch. Kann man natürlich nicht wirklich lange, aber egal. Für die wenigen Tage kommt man sich sehr unabhängig vor. Im Cottage aber ist die Isolation verschärft: keine Nachbarn, kein zu Fuß erreichbares Dorf, keine Shopping-Meilen, keine Post*, keine ins Haus gebrachte Tageszeitung. Gäbe es nicht das aus Dublin mitgebrachte Auto, man wäre schlicht verloren. Das Auto wächst vom simplen Fortbewegungsmittel zum Rettungsring, zur einzigen Verbindung mit der Zivilisation. Auch wenn man die vier, fünf Kilometer nach Curry, einem Kaff mit zwei Pubs, einer Kirche und einem regelmäßigen Viehmarkt, auch laufen könnte. Man beginnt, das Auto zu idealisieren und sich um sein Wohlergehen zu sorgen: Hat es genügend Sprit? War das nicht ein komisches Geräusch? Sieht der Reifen nicht ein bisschen schlaff aus?
Die Stille aber ist erstaunlich vollkommen. So absolut, dass man sie nicht mit Musik stören mag. Die Bücher gewinnen eines tagesdefinierende Wirkung: Ich lese Frisch, Gerrold, Böll, McCourt, Kästner, Cadwell/Thomason, ohne stilistische Ordnung, alles hintereinander weg, im Rausch. Das einzige mitgebrachte Magazin ist am zweiten Tag ausgelesen, das Internet nicht verfügbar, keine Tageszeitung zur Hand – die ganze schwarzweiße Konkurrenz** des Buches schlicht nicht am Start, das Buch wächst dadurch, fesselt mehr als gewohnt. Wir ertappen uns dabei, Ausflüge um Stunden aufzuschieben, um Kapitel und Abschnitte zuende lesen zu können.

* Jawohl, keine Post, kein Briefkasten. Als gestern in unserer Abwesenheit die Gaslieferung kam, legte der Fahrer die Rechnung unter einen Stein in eine Kuhle in der Hauswand.
** Was natürlich schon noch da ist: der Laptop mit PC-Spielen. Ich widme mich ernsthaft Dawn of War, besuche erneut ein paar Sehenswürdigkeiten von Half-Life 2, beginne Black Mirror. Fire Emblem 2 bleibt unangetastet liegen.

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