kaliban.org Aug 4 2005

by Gunnar on 4. August 2005 · 1 comment

Irisches Tagebuch, Teil 1

Wilder Westen
Kein Wunder, dass Heinrich Böll nach seiner Irlandreise sofort ein Buch schreiben musste: Die Landschaft macht einen ganz schriftstellerisch. Das muss daran liegen, dass ihr das Prosaische, Berechenbare fehlt. An vielen Stellen ist Irland tatsächlich leer und wild; selbst da, wo Menschen leben, haben sie sich das Land nicht so untertan gemacht, wie man es aus Deutschland gewohnt ist — irische Landschaft wirkt so, als läge die Natur in Wartestellung und würde wenige Minuten nach Abreise der Menschen das Land überwuchern. Mühselig abgerungen wirken die Gärten mit ihrem gepflegten englischen Rasen, mühselig dem Wildwuchs abgerungen, der nur wenige Meter weiter lauert. Manche Gegenden sehen nach Siegen der Zivilisation aus, nach wohlgeordneten Kriegszügen gegen das Chaos und gut gegen Partisanenangriffe gesichertem Hinterland. Andere zeigen deutlich die Spuren verlorener Schlachten: aufgegebene Häuser, verfallen und nur noch als Steinskelett erhalten; zugewachsene Wege, verrostete Schilder.
Taub und stumpf sein muss derjenige, den das nicht inspiriert. Ein Wunder fast, dass Irland nicht noch mehr große Dichter hervorgebracht hat. Aber vielleicht darf man die Landschaft nur vorsichtig dosiert genießen, vielleicht verliert sie ihre anregende Wirkung, wenn man sich daran besäuft oder sie lange Jahre täglich zu sich nimmt. Vielleicht ist sie aber auch zu episch, um irgendetwas anderes zu schreiben als Tagebücher oder große, mächtige Werke mit historischem Bezug. Vielleicht ist man als Schriftsteller verloren, wenn man herkommt, um einen raffinierten kleinen Gesellschaftsroman oder ein satirisches Theaterstück zu konstruieren — vermutlich fehlt einem dafür hier der Bezugsrahmen, und man wäre mit einem Appartement in Berlin besser beraten.
Egal, ich bin ja nicht zum Schreiben hier, Gottseidank. Nur zum Dasein und Nichtstun, zum Ausspannen und Auftanken. Falls jemand mit eigenen Erinnerungen vergleichen mag: Was ich hier notiere, findet statt zwischen Sligo und Galway, zwischen West Coast und Roscommon statt, Schauplatz ist also der wilde irische Westen.

{ 1 comment… read it below or add one }

Leave a Comment

Previous post:

Next post: