kaliban.org Aug 5 2005

by Gunnar on 5. August 2005 · 1 comment

Irisches Tagebuch, Teil 2

Die Küstengeborenen
Die Sonne scheint blass auf die Ufer des Lough Cullin, mühsam durch die Wolken wie ein unerfülltes Versprechen. Ein Wind bläst halbstark, als wolle er mehr, könne aber nicht. Er möchte mir die Mütze vom Kopf reißen, aber seine Bemühungen sind leicht abzuwehren, wie die eines Kindes. Ich stakse von Stein zu Stein auf das flache Wasser zu, wie Zähne liegen die Felsen im See, umweht und umspült. Balancierend suche ich nach sicherem Tritt, mit Jeans und Sturmjacke lehne ich mich in den Wind. Der Unterschied zwischen mir, dem Globaleuropäer, und den Küstengeborenen wird überdeutlich: Ein paar Schritte weiter plantschen irische Kinder im kühlen Wasser, trotzen in Badehosen dem Wetter. Ein absurder Gedanke geht mir durch die Stirn: Wissen die nicht, wie viel angenehmer und angemessener ihr Spiel wäre, fände es an der südfranzösischen Küste statt? Vermutlich waren sie aber noch nie am Mittelmeer und können deswegen nicht ermessen, wie merkwürdig es mir, dem müßigen Reisenden, vorkommt, ausgerechnet hier zu baden. Für mich ist Irland ein Ort, um zu wandern, Tee zu trinken und den Regen durch die Scheibe zu beobachten. Will ich Sonne, reise ich woanders hin.
Es dauert eine Weile, bis man sich von Klischees über Land und Leute trennen kann. Zumal, wenn man sich durch viele kurze Reisen einen reichlichen Grundstock an kleinen, handlichen Vorurteilen angelegt hat.

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