kaliban.org Aug 7 2005

by Gunnar on 7. August 2005 · 1 comment

Irisches Tagebuch, Teil 4

Der Tanz auf den Straßen I
Irische Straßen sind nicht, wie ihre Vettern in Deutschland, Orte des sportlichen Vergleichs, sondern Stätten der Begegnung. So schmal sind viele Wege, dass zwei Autos, die aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander treffen, einen kleinen Tanz aufführen müssen: zurück, zur Seite, vor, weiter. Der freundliche Handgruß des anderen ist die Belohnung für eigene Rücksicht, der eigene Gruß das Akzeptieren der Regeln. Überhaupt scheint Tempo kein Wert an sich zu sein, als Deutscher ist man überrascht von der Gelassenheit und Rücksicht der irischen Fahrer. Wann immer man dennoch riskant überholt, geschnitten oder bedrängt wird, verrät ein Blick aufs Nummerschild: Es war ein Engländer, Franzose oder Italiener.
Gelungen auch die irische Beschilderung der großen Straßen, nicht einmal fahren wir in die Irre, nicht einmal erleben wir das in Deutschland typische Ach, da hätten wir abbiegen müssen, oder?, das aus unübersichtlicher Verkehrsführung stammt. Übertrieben wird nur mit den Warnungen: Wir zuckeln durch eine Serpentine, da sehen wir vor uns auf die Fahrbahn gemalt das Wort SLOW. Ein bisschen langsamer geht es weiter, dann kommt die Steigerung VERY SLOW, übrigens ohne, dass sich die Straße wesentlich verändert hätte. Natürlich ignoriert man als erfahrener Autofahrer so etwas und fährt ungebremst weiter. Dann eine nochmalige, gänzlich unerwartete Steigerung: DEAD SLOW! Das beeindruckt uns immerhin so, dass wir abbremsen. Und, tatsächlich, es folgt eine knifflige Kurve.
Noch schöner die temporären Gefahren: Vor einer Baustelle warnt erst ein Schild SLOW, dann noch eines, dann MAJOR ROADWORKS AHEAD, dann ein PREPARE TO BRAKE, dann ein Piktogramm mit einem schleudernden Wagen, dann TEMPORARY SURFACE, dann NO ROAD MARKINGS, und schließlich ist man doch in ein paar Sekunden an der betreffenden Stelle vorbei, weil da eben doch nichts war außer neuem Straßenbelag, der aber besser ist als der alte, also im Grunde sogar noch ungefährlicher.
Der Zustand vieler Straßen mag übrigens der Grund dafür sein, dass schnelle Autos selten sind. Die für das Münchener Umland typischen Z4s, SLKs oder Porsches haben wir in Irland gar nicht gesehen, fette SUVs kommen zwar vor, sind aber selten. Zugegeben, mit einem sportlich gefederten Boxster möchte ich auch nicht über die Landstraßen jagen. Vielleicht ist das Land aber auch nach Jahrhunderten der Armut in einer Nachholphase und hat es noch nicht geschafft, die neu- und altreichen Yuppieklassen heranzubilden, die in Deutschland die Straßen in Rennbahnen verwandeln.
Gottseidank.

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