kaliban.org Oct 13 2005

by Gunnar on 13. Oktober 2005 · 10 comments

Vor den Kopf Kurzgeschichte

Cornelius, Mitte Zwanzig, steht in der Discothek Name geändert nonchalant, wie er hofft, an einen Spiegelpfosten gelehnt und ignoriert seine baßtongeschwängerte und blitzlichtzerhackte Umwelt.

Er denkt nach über Fernsehwerbung und darüber, wie einem machmal — unvermittelt während eines gepflegten Parlierens — Unwörter wie Megaperls oder Testflüssigkeit durchs Hirn flackern und, spricht man sie aus, jegliche Chancen auf intellektuelle Anerkennung beim Gesprächspartner zertrümmern.
Da tritt plötzlich eine schöne, aber offenbar geistesgestörte Frau aus dem stampfenden Chor der Gesichtslosen auf Cornelius zu und stößt ihn heftig mit der flachen Hand vor den Kopf. Plötzlicher Schmerz, Erschrecken, Cornelius’ Schädel kollidiert mit der harten Spiegelsäule — im schieren Schreck speichert sein Gehirn das Wort Megaperls unauslöschlich ins Langzeitgedächtnis — und zerbricht eine Scheibe. Dem zuschauenden Provinzprinzen im blauen Samtsakko, der jeden Schritt der Frau unauffällig begafft hat, fällt die brennende Zigarette aus dem schnäuzergezierten Mund. Auf dem Weg zum Boden tötet sie eine zufällig des Weges kommende Fruchtfliege, die mit der Sache gar nichts zu tun hatte. Als sich die Nebel vor Cornelius’ Augen wieder auf das normale Trockeneis/Rauchschwaden – Niveau reduziert haben, ist die Frau verschwunden, und die Säule hat sich in eine Wodkaflasche der Marke Absolut verwandelt; durch die Flasche sieht Cornelius eine ganz andere Welt voller Schönheit und Poesie.
Plötzlich entdeckt er in seiner Hand ein gefülltes Wodka-Glas und betrachtet es. Wodka ist ein ehrliches Getränk; es spielt einem keinen Idealismus vor. Das einzige, was es sagt, ist: Ich bin eine chemische Verbindung und enthalte besorgniserregende Mengen Ethylalkohol. Mein Genuß wird eine Veränderung in ihrem Leben herbeiführen. Trinken Sie mich nur, wenn ihnen egal ist, welche.

Cornelius ist es egal. Er trinkt.

Schlagartig tauchen widerwärtige Bilder vor seinem geistigen Auge auf: Josef Stalin, sich den Schnurrbart rasierend; ein Noppenkondom, über eine riesige, unreife Banane gestülpt; Angela Merkel mit Schulterpolstern in Kohls Zweireiher; ein 72er VW-Käfer mit Rallyestreifen; dann schlagartig Stille, Schwärze, Schweigen.

Cornelius erwacht und ist ein alter Mann. Er zieht nach Maui, wird Immoblienmakler und stirbt drei Jahre später an den Spätfolgen eines Schädel-Hirn-Traumas.

Hm. Sehr sehr frühes Frühwerk. So zehn Jahre alt. Keine Geschichte, eigentlich. Und eher durchschnittlich, eigentlich. Okay ist im Grunde nur die Passage mit dem Wodka in der Mitte. Naja. Ich poste trotzdem, ist ja kein Literaturwettbewerb hier. ;-)

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