Die Frau, ihr Gesicht, die Erinnerung

by Gunnar on 27. November 2005 · 11 comments

Herr Kaliban fragt sich: “Ist es das Alter, ist es die Komplexität der Welt, ist es Mangel an Konzentration?”

Mir verschwimmen Erinnerungen, wenn ich sie nicht sofort durch Aufschreiben stütze oder so lange im Kopf wälze, bis sie sich einigermaßen verfestigt haben. Ich behalte von Treffen nur Fetzen, Gesichter, Wörter, schwache Bilder. Vergesse, dass ich Menschen schon begegnet bin, Filme schon gesehen, Bücher schon gelesen habe. Der einzige Ausweg — ich nehme mir sofort vor, davon zu erzählen, dann entwickle ich Formulierungen, die mir dann bleiben, auch wenn der Erzählgegenstand schon fast verblasst ist. Absurd, wie das Hirn arbeitet. Menschen mit einem absoluten oder wenigstens fotografischen Gedächtnis müssen wie Götter sein, immer überlegen, nie unsicher, perfekt.

Weshalb ich überhaupt drauf komme: Gerade eben fiel mir eine Begegnung auf einer Party wieder ein, vor Jahren, in Berlin oder Frankfurt. Keine Ahnung, was ich da tat, war im weitesten Sinne beruflich. Jedenfalls kannte ich niemanden, stinklangweilig, viel eitles Medienpack. Dann sie: eine Frau, Anfang 30, in salopper Jeans-Turnschuh-Eleganz, mit dem Gesicht von Sarah Jessica Parker. Die Ähnlichkeit ist so frappant, dass es übermenschliche Anstrengungen erfordert, sie nicht einfach mit offenem Mund anzugaffen. Sogar Figur, Haltung, Posen erinnern an die Parker. Oder zumindest an die Figur in Sex in the City, die sie spielt. Ich spreche sie an, freundlicher Smalltalk, sie ist beim Radio, achja, spannendes Feld, jaja, ich schreibe über Spiele, oh, sie spielt ja auch, echt, meist zum Abreagieren, ja, sie macht ja auch Reportagen über solche Themen, schön. Ich glaube ihr kein Wort, finde sie oberflächlich, muss aber das Gespräch am Laufen halten, weil ich so fasziniert von ihrem Gesicht und der Ähnlichkeit bin. Die Unterhaltung treibt uns über die ganze Party, Bar, Buffet, Balkon, irgendwann treffe ich jemanden, der mich in Beschlag nimmt, den ich nicht abwehren kann, weil er irgendwie wichtig ist, und sie steht eine Weile neben uns, hört dem öden Gespräch zu, dem ich nicht ausweichen kann, dann muss sie weg. Ich behalte ihre Karte, rufe aber natürlich nicht an, sie bleibt ein Einzelereignis, von der ersten Sekunde des Treffens darauf festgelegt, in kurzer Zeit nur ein Kuriosum, eine Erinnerung zu sein. Und alle paar Jahre mal wieder nach oben gespült zu werden, weiter verblassend, bis nur noch diese Beschreibung bleibt und ich mich frage, ob ich mir diese ganze Ähnlichkeit nicht nur eingebildet habe.

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