Heimatstadt HOL

by Niklas on 2. Dezember 2005 · 17 comments

NIKLAS: Statt Heimat?
Warum hat das Kaff eigentlich neuerdings so viele Umgehungsstraßen? Schämt es sich für die sterbenden Geschäfte in der Innenstadt? Hat es sonst irgendwas zu verbergen, das Fremden bereits bei der Durchfahrt auffallen würde?
Schneller von a nach b kommt man mit denen jedenfalls nicht. Und überhaupt: Der Verkehr war hier schon immer lachhaft. Sieben Autos vor einer Ampel zählten in meiner Jugend als Stau!

Die nächste bohrende Frage: War meine Jugend vielleicht langweilig, und warum ist mir das nicht früher aufgefallen? War es wirklich so, dass am Samstag nachts um eins, das einzige offene Restaurant McDonald’s heißt? Von den guten Läden, an die man sich nostalgisch zurückerinnert (Essen mit der ganzen Familie bevor die Pubertät derlei Ereignisse negativ gefärbt hat) sind eh alle Betreiber tot. Überhaupt scheint ein kritisches Alter erreicht zu sein: Generationswechsel de force — sämtliche Bekannten meiner Eltern liegen irgendwie im Sterben oder kennen zumindest jemanden, der gar nicht gut aussieht. Zeit für die nächste Runde Menschen.


(notiz an mich selbst: trau den zahlen des statistischen bundesamts nicht — ab 60 wird die luft dünn)

Wenigstens gab es hier früher um die achtzig Gleichaltrige von ähnlicher Bildung Herkunft, die man damals automatisch mit der Schule geliefert bekam. Von denen war ja immerhin die Hälfte weiblich. Wohnen tut hier keiner mehr. Die werden ihre Gründe haben.

P.S.: Was wirklich super ist, ist der Kühlschrank meiner Eltern — Aufschnitt vom Feinsten. Soll ja nicht heißen, ich wäre unfair.

GUNNAR: Heimat. Aber doch nicht dieses Kaff
Heimat-Bashing ist ja modern, jedenfalls unter jungen urbanen Hipstern aus der Werbung. Aber die Heimat ist ja nie schlecht. Auch nicht Holzminden. Okay, im Dreiländereck Nordhessen-Ostwestfalen-Südniedersachsen siecht ein stumpfes Bauernpack, das sich in Sachen Sturheit mit den Niederbayern messen kann. Okay, die Stadt ist nicht schön, manche Viertel würden von einer Parkplatzbombe profitieren. Okay, es stinkt in Holzminden nach Aromaindustrie. Okay, okay, okay. Mir doch egal.
Im Radio läuft ffn, die Leute sprechen meine Sprache — Bauernpack ja, aber nun mal das Bauernpack, das ich kenne. Eben Heimat: Leute, Luft, Landschaft. Heimat.
Hey, ich wohne in Bayern — ich weiß, wovon ich rede. Zuweilen beneide ich den Kollegen S., den Rosenheimer, der voll angebunden nahe der Heimat wohnt, Eltern, Dialekt und alte Freunde inklusive. Und ich? Ich sitze entwurzelt in der Großstadt, fern der Gegenden, wo man adäquates Hochdeutsch spricht. Und mein Versuch, eine rein niedersächsische Redaktion zu bauen, ist auch gescheitert. Ach.

THOMAS: The Third Place
Niklas hasst. Und Gunnar schleppt sich durch Fremdenlegionärssymptom, aber sie bleiben halt zwei Provinz–Ursprüngler. Als gebürtiger Rheinländer kann ich also Holzminden gut finden ohne vom Niklas als heimatverbundener Spießer eingeseift zu werden.

Es ist nicht so schlecht. Holzminden hat eine eigene Brauerei, und wenn ich aus der Heimat zurück nach Holland fahre und den Jungs auffer Arbeit ‘ne Flasche Allersheimer gebe, so’ne kleine braune Flasche mit Urgeschmack, dann ist das etwas, was man im Laden hier nicht kaufen kann. Trinkt man drei, hat man am nächsten Morgen Kopfschmerzen. Außerdem liegt es wirklich super, in so einer bergigen Umgebung, in der man sofort einen Fantasy-Mittelalter-Film drehen könnte. Wenn man im Sommer von Göttingen aus nach Holzminden fährt, leuchtet der goldenen Raps über die Täler. Und die Sonnenuntergänge vom Führerdenkmal aus (heisst eigentlich Senator-Meyer oder so) auf der einen Seite der Weser Richtung Hamelns sind irre zum Verführen. Des Winters kann es gar sein, dass der Ith zufriert und man Hannover nicht ohne schweres Gerät erreicht. Cool. Unterwegs fährt man dann durch ein Dorf, in dem es eine Kneipe gibt die Schwülmetal (Schwülme-Tal) heist — Generationen von Holzmindenern fragen sich: Schwül Metal? Speed Metal, aber dann eben….schwül ? Holzminden hat es von der Gegend. Und: Die Linien sind kurz — wenn man in Holzminden lebt, dann wäscht eine Hand die andere. Honi soit qui mal y pense, natürlich hat das auch mafiöse Züge, aber irgendwie ist die Welt auch noch ein bisschen in Ordnung, wenn der Fliesenleger dem Installateur beim Hausbau hilft, weil die Frauen zusammen beim Holzhändler Rosencranz den Apotheker trafen und der für den Zimmermann, der auch der Bruder des Schützenclubmitglieds des Installateurs und so weiter — alles ist eben irgendwie miteinander verbunden. Da lächelt man aus der Ferne drüber, verspottet es gar in letzten Zuckungen des 20-sein-und-Abi-im-Kaff-gemacht-haben-Pennälertums, aber manchmal, wenn ich da zurückfahre und meine in Holzminden groß gewordenen Schwestern sehe, die voll in diese Struktur eingegliedert sind, dann bin ich auch ein bisschen neidisch auf die ganze Nestwärme.

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