Das hermetische Mädchen

by Gunnar on 24. Februar 2006 · 5 comments

Sie steht vor mir, im Laden, wartend, in der Schlange. Ich dahinter, ebenfalls wartend. Es geht nicht voran, es gibt Probleme mit dem Kassensystem. Wir stehen, warten, gucken. Sie ist so konsequent in schwarz gekleidet, wie es irgend geht. Sie trägt die Kleidung wie einen Panzer, in Schichten, komplex, auf den ersten Blick kaum zu erfassen, mit vielerlei Schnüren, Schnallen, Schlaufen. Und alles schwarz, kein Stück Stoff in Dunkelblau, kein Kontrapunkt in rot oder weiß, nur ein bisschen blitzendes Silber, Metall, Nieten. Eigenartig, wie der Blick an ihrem Schwarzschild abprallt, obenwohl er gleichzeitig bestrebt ist, sich an einem der vielen Details festzuhalten.

Ihre Haut ist hell, die Lippen ungeschminkt, dafür Fingernägel und Haare schwarz. Ich versuche mir ihre Stimme vorzustellen und kann es nicht — irgendwie entspricht sie nicht den üblichen Typen. Ich kann mir Stimmen ausdenken für aufgetakelte Gothic-Bräute, für kleine schüchtere Waverinnen, für lässige studentische Schwarzträgerinnen, aber sie, sie entspricht keinem der Klischees. Sie ist, nun, eben das hermetische Mädchen. Jedenfalls für diesen Augenblick. Meine Illusion bleibt erhalten: Sie zahlt an der Kasse mit sorgsam gefalteten Scheinen aus ihrem schwarzen Portemonnaie und verlässt den Laden, ohne gesprochen zu haben.

Bestimmt ist sie ein Alien, eine Zukunftsreisende, ein Android.

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