Willy 2017

by Gunnar on 17. April 2006 · 19 comments

Die SPD offenbart, bei der Besetzung ihrer Führungspositionen und auch sonst, ein strukturelles Defizit — eine Partei mit einer solche Tradition braucht Emotionen. Links ist eben da, wo das Herz sitzt. Wer aber soll die großen Gefühle transportieren? Sigmar Gabriel, der nichts mehr ähnelt als einem bunten Luftballon? Kurt Beck, der Kohl der SPD — bärtig, bärig, funktionärig? Peer Steinbrück, der Prototyp des arroganten Beamten? Ach, das Elend.

Also muss ein Masterplan her. Die Partei braucht einen neuen Brandt. Und da der nicht in Sicht ist, muss er erschaffen werden. Ich stelle mir das so vor: Ein Gremium von hochrangigen Strippenziehern, darunter Kurt Beck, Michael Machnig und Franz-Walter Steinmeier, entwirft das Projekt Willy 2017. Dazu guckt man sich unter den Würdenträgern der Jusos einen aus, der schon ein kleines Amt hat, aber nicht zu kompromittiert durch die Macht ist. Dann, nun, Arbeiterbackground ist schon wichtig. Gute Ausbildung auch, aber nicht zu gut, das sieht nach Strebertum aus. Kann ruhig ein bisschen Außenseiter sein, sollte aber alle sozialdemokratischen Rituale drauf haben, Brüder, zur Sonne und so. Anfang 30 wäre gut, dann hat er schon einige Flausen aus dem Kopf. Soll ruhig ein bisschen verwackelt rumlaufen, wuschelige Frisur zum Beispiel, weiter Mantel, nicht zu perfekt, nicht zu jugendlich. Braucht irgendeine Eigenart, etwas Markenzeichenhaftes, einen leichten Akzent zum Beispiel. Norddeutsch vielleicht, das ist konsensfähig. Selbstverständlich darf und soll er sich spektakulär zu aktuellen Themen äußern, aber nicht einfach so — statt dessen füttert ihm die Parteispitze geheime Strategiepapiere und lässt ihn Dinge anstoßen, die man gerne angestoßen haben will. Erst er, dann springt Beck drauf, lobt den jungen Kollegen und führt die Sache aus. Natürlich kommt ein Life Coach zum Einsatz, Rhetoriktrainer, Typberatung et cetera. Ein eigener Stab direkt unter Beck sekundiert dem neuen Willy, bis jeder in der Partei und den Medien gecheckt hat, dass er das größte politische Talent der SPD seit Kurt Schumacher ist.
Strengste Geheimhaltung ist natürlich vonnöten, aber, hey, die Sache kann nicht schiefgehen, wenn man einen einigermaßen präsentablen Typen und hellen Kopf erwischt. Warum genau passiert sowas eigentlich nicht? Warum überlassen die Parteien die Sache mit dem Führungsnachwuchs weitestgehend dem Zufall und den Standardmechanismen? Das Resultat ist doch überall in seiner ganzen Kläglichkeit zu sehen: arrogante Egomanen, blasse Funktionäre, beleibte Schnauzbartträger. Ach, das Elend.

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