Ästheten müssen grausam sein

by Gunnar on 8. August 2006 · 7 comments

Blogs sind »Discounter des Geistes« sagt mein Kollege Herr S.: »Alles nur Häppchen, wohlproportionierte Gedanken, nett abgepackt, zum Kommentieren unter das Volk geworfen«.
Das ist natürlich Unsinn. Blogs (zumindest meines) sind nur unsauber ausgestanzte Fragmente von Gedanken. Wir schreiben nicht nur für eine — wie auch immer geartete — Öffentlichkeit, sondern hauptsächlich für uns: Unsere Köpfe sind wie Schränke, in die seit Jahren alles reingeht und nix raus. Jetzt muss raus, was die Synapsen verstopft. Mit Gewalt. Oder so. Und weil’s immer noch ungefähr wahr ist, hier dazu mein quasi unüberarbeitetes Niveaupolizei-Manifest von 2001:


1. Die Welt ist kritikwürdig; wenn wir sie schon nicht ändern, müssen wir uns wenigstens beklagen.

2. Wir wenden uns gegen die öffentliche Dummheit, die endlose Doofheit der Medien, die Idiotie der Volksvertreter und die Arroganz der Kulturschaffenden.

3. Wir wollen keine Ideologen sein; uns geht es um die Ästhetik. Wir werden nur aktiv, wenn Auge, Stilgefühl oder Verstand offenkundig beleidigt werden.

4. Unsere Haltung ist die der ironischen Distanz – doch unsere Herzen sind keine Mördergruben. Wenn deutliche Worte gefragt sind, müssen sie fallen. Ästheten müssen grausam sein können.

5. Wir machen keine Gebrauchsanweisungen für’s eigene Hirn, dafür muss jeder selber sorgen – wir zeigen nur mit dem Finger auf Dinge, die sonst allzu leicht akzeptiert werden.

6. Okay, okay, wir wollen fair sein: Falls uns was Cooles, Sinniges, schlau gemachtes auffällt, können wir auch mal loben. Ausnahmsweise.

7. Nur wer sich bewegt, fällt nicht um. Oder so.

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