Die Scheibe, der Schrat und das Kettcar

by Gunnar on 15. November 2006 · 4 comments

Eine Erinnerung.

Ich stehe vor dem Haus meiner Großeltern. Vor dem Fenster, von dem aus mein Großvater die Welt zu betrachten pflegt. Die Welt, das ist die Hauptstraße von Bevern, auf der wenig Interessantes zu sehen ist. Die Spielothek gegenüber vielleicht, in der die immer gleichen Schnauzbartträger ihre Sozialhilfe verzocken. Und in der die dicke Matrone Aufsicht führt, die mein Großvater aus irgendwelchen Gründen immer Busenstar nennt. Dies Etablissement, nicht gerade ein Schmuckstück des Dorfes, ist dort eingezogen, als das Textilgeschäft trotz Monopolstellung aufgeben musste, es konnte mit den Preisen des allmächtigen Quellekatalogs und der Konkurrenz aus der Kreisstadt nicht mehr mithalten.

Doch halt, wir sind in der Zeit Jahre früher, das Bekleidungshaus Heinemeyer existiert noch, es hält den Platz für die Spielothek warm. Daneben der ebenso zum Scheitern verurteilte Brennstoffhandel, bei dem Großvater und ich immer Briketts kaufen, für die Kohleöfen. Immer Briketts, die billigen Briketts, grob und blockig, fast nie die teuren Eierkohlen, die sich leichter entzünden und ausdauernder brennen. Der Brennstoffhandel ist zudem Ort einer täglichen Familientragödie, denn die Frau des Inhabers hasst ihre Schwiegermutter. Der Kerl unterstützt sie durch Desinteresse und Wegschauen, also hat sie einen Freibrief zum Schikanieren. Das führt dazu, dass wenn ich vor den Theke stehe und den Zehnmarkschein für den Zentner Briketts auf die hohe Theke lege, sie geschäftig und hochherrschaftlich Ich schicke gleich jemanden raus, der dir hilft sagt. Dann gehe ich nach draußen, zu den Kohlebergen. Und es kommt die alte Schwiegermutter rausgehumpelt. Zusammen schaufeln wir die Kohlen in meinen Bollerwagen, den ich dann mit übermenschlicher Anstrengung stolz über die Straße nach Hause ziehe.

Großvater betrachtet den Betrieb der Läden, die Kundschaft, die Fußgänger. Hin und wieder kommt jemand vorbei, der schon seit dreißig oder mehr Jahren im Ort wohnt, diese Leute bemerkt und grüßt er. Er kennt keine Scham, versteckt sich nicht hinter einer Gardine — ungeniert starrt er alle an und schert sich nicht um befremdete Blicke. Die Straße ist sein Fernsehen, seine Unterhaltung. Er hat nicht viel zu tun, wenn die Zeitung ausgelesen ist, hat keine Steckenpferde, keine Bücher im Haus, spricht nicht viel mit seiner Frau. Die Straße ist sein Fernsehen, seine Unterhaltung.

Ich stehe also vor dem Fenster, zu meinen Füßen mein Kettcar. Ich bin noch lange nicht schulpflichtig, reiche gerade mit dem Scheitel an die Kante des Fensters. Großvater macht Faxen hinter der Scheibe. Ich klopfe mit der Faust gegen das Glas, als wollte ich die Scheibe einschlagen. Das Glas ist dick, meine Faust klein, das Klopfen machtlos. Ich klopfe stärker, schlage gegen die Scheibe und plötzlich bricht sie, für mich völlig überraschend. Splitter schneiden in meine Hand, ein bisschen blute ich. Doch kein Schmerz, ich spüre nur die Panik, Schuldbewusstsein, das hereinbrechende, mächtige und schlimme Gefühl, etwas Falsches getan zu haben. Ich kann nicht mehr denken, ich muss fliehen, weg vom Ort der Tat. Ich springe in mein Kettcar, trete in die Pedale, als gelte es mein Leben. Ich fahre um die Ecke, auf den Hof der Schmidts, unserer Nachbarn. Fort, fort, fort. Doch nach wenigen Metern, kaum bin ich auf dem Nachbargrundstück, da hat Großvater mich schon eingeholt. Hält das Kettcar am Sitz fest, mein Strampeln nutzt nichts. Ich kann es nicht glauben, dass es so leicht war, ich kam mir so schnell vor.

Dies ist eine originale Kindheitserinnerung, plötzlich nach oben geschwemmt. Ich weiß übrigens nicht mehr, was dann passiert ist. Eine Strafe gab es nicht, das gab es nie. Meine Angst war demzufolge grundlos, aber wer weiß das schon als Kind. Als Kind kann man sich ja durchaus vorstellen, dass Onkel Erwin einem mit der Eisenzange den Penis abkneift oder man an durchreisende Zigeuner verkauft wird, wenn man nicht brav ist. Muss ja nur ein Erwachsener sagen. Uh.

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