Geschichten vom Dorf oder Das Leben der anderen

by Gunnar on 1. November 2006 · 11 comments

universum

Früher, zu Schulzeiten, da haben wir alle den Sascha beneidet. Der kam aus einer klassischen Mittelschichtfamilie, Vater mit ordentlich bezahltem Bürojob. Kleines Flachdachhaus in dem neueren Teil unseres Dorfes, bisschen Garten, Auto und vor allem: einziger Sohn von Eltern mit viel Sinn für Konsum. Die Familie Wolk* erwarb als erste einen Videorekorder (zunächst Video 2000, dann Betamax, dann VHS). Sascha hatte als erster einen VC-20 (dann rasch den C-64 hinterher), als erster einen Akustikkoppler (den Schritt haben wir anderen übersprungen), als erster einen eigenen Fernseher et cetera. Das Haus der Wolks war vollgestopft mit Unterhaltungselektronik, Jahrzehnte bevor das zum Standard wurde. Nicht gepaart mit Geschmack allerdings, das Ganze — Stil und Sinn hatten die Wolks nicht zu bieten, alle freien Wände waren mit Regalen voller Videokassetten bedeckt. Jeder Spielfilm im Fernsehen wurde aufgenommen und archiviert, quer durch Genres und Vorlieben, angetrieben von kleinbürgerlicher Sammelleidenschaft. Und immer ordentlich, oft mit auf den Tapes angebrachten Schnippseln aus TV-Zeitschriften.
Im Wohnzimmer hingen selbst gemalte Bilder an den Wänden, grobe Seeschlachten aus dem Malen nach Zahlen-Programm. Dennoch, für die Bewunderung von uns Dorfkindern hat es allemal gereicht. Der Sascha, der aus dem Neid ein ruhiges, selbstverständliches Selbstbewusstsein saugte, brachte es sogar bis zum Klassensprecher. Erst spät, in unseren harmlosen kleinen Rebellenphasen, fiel uns auf, wie schrecklich leer der Typ eigentlich war. Und wie armselig die Wohlstandwurstigkeit seiner Eltern. Die ihren Höhepunkt übrigens fand, als eine neue Anlage gekauft wurde. Stereostandanlage, einen so genannten Turm im so genannten Rack, Mittelpunkt des Wohnzimmers. In goldbraun, wie man es damals gerne hatte. Geordert aus dem allmächtigen Quellekatalog. Was den Wolks aber dann doch irgendwie peinlich gewesen sein muss, daher hatten sie die Schildchen mit dem Schriftzug der Quelle-Hausmarke Universum abgeknibbelt und, ahem, selbstgemalte Philips-Logos drangebappt. Die mit Verve und Ich-bin-im-Recht-Tonfall vorgebrachte Begründung »Sind ja original Philips-Bauteile drin« machte die Sache nicht besser, zumal Philips ja nun auch nicht die Krachermarke ist — kann man gleich Lidl-Sachen mit Tchibo-Logos überkleben. Aber so waren die Wolks, damals. Und so waren wir, seinerzeit in den 80ern auf dem Dorf.

* Name geändert

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Konservo-Thomas November 1, 2006 um 15:59

Gunnar, das iss soooo geil geschrieben. Ganz ganz grosse Verneigung.Ich finde übrigens das Akkustikkoppler echt top-dog-über-cool ist. Das sit so richtig agentig, mit Riesencomputer in der Telefonzelle, grauer Trenchcoat und dann mal reindrücken den Höhrer in die Gummischalen und wählen, wählen nach Amerika und dann was Wichtiges runterladen. Am Ende der genannten Phase lud ich einen Sommer lang kack aus Amerika und durfte dann 1000 Mark Telefonkosten abdienen beim McDonald’s in Holzminden, kurz nachdem der Niklas Diesel ins übel erschuftete Motorad gezapft hatte, aber das nur am Rande. Leider ohne Koppler sondern mit 2400 baud-Modem…….

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Niklas November 1, 2006 um 17:17

… das mit dem diesel lag am tankstellen layout. grummel.

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Sascha Wolk November 2, 2006 um 08:18

Das also ist der Dank dafür, dass Du immer an meinem C-64 spielen durftest :-(

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Groove November 2, 2006 um 10:52

Solche Leute gab es natürlich auch in der Stadt! Übrigens auch immer noch: mein Bruder ist Arzt in einem Problemviertel einer (west-)deutschen Großstadt und bestaunt regelmässig bei Besuchen in ALG2-Haushalten die Wand mit den 3 Plasmas nebeneinander.

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Gunnar November 2, 2006 um 11:30

die freuden des ratenkredits.

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nail November 2, 2006 um 14:00

Schön, dass es sowas früher auch schon gab. Muss ich nicht ganz so dolle kotzen, wenn Schulkollege O. mit seinem – sponsored by daddy – Mercedes SLK auf den Schulparkplatz angerauscht kommt… Schlimm, dass manche Leute mir ihrem Geld nichts besseres zu tun haben.

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Niklas November 2, 2006 um 18:11

urgs. also ich als hamburger bin ja sehr abgehärtet gegen sozialneid – aber wenn mein SCHULkollege mit nem slk ankommen würde würde ich schon maximal heftig kotzen – egal was anderswo geschieht :)

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Marquis de Morieve November 5, 2006 um 18:14

Naja, in der heutigen Zeit ist man als Schüler sicher dankbar, wenn nur jemand mit nem SLK anrollt, und nicht das SEK bei einem in’s Haus fällt.

Ich finde das Landleben in der Region Holzminden/Northeim übrigens toll.. Hier gibt es immerhin Wälder und der Harz ist auch nicht weit..

Das eigentliche Thema bzgl. der Konsumbereitschaft von Mittelstandsfamilien in Dörfern der 80er Jahre überspringe ich nun mal, ignorant wie ich bin.

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?????? Januar 12, 2007 um 22:00

hey woher haste das bild meiner katze?????????????????????????????????????????????????????????????
antworte sonst wir es ernst!!!!!!

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Gunnar März 25, 2007 um 16:04

absurd.

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kero Januar 19, 2010 um 12:35

Genau so einen Turm (Foto) habe ich vom Bruderherz geerbt, aber meiner hatte wenigstens noch eine Fernbedienung ;-). Scheisse ist das lange her.

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