Wie Martin nicht verprügelt wurde

by Gunnar on 2. November 2006 · 10 comments

Habe gerade eine nostalgische Phase, irgendwie. Dabei fallen mir haufenweise Geschichtchen ein. Wie die von gestern. Und die, in der Martin vorkommt, der aber überraschenderweise nicht verprügelt wird.

Also: Martin war mein Mitbewohner, damals in Göttingen. Wir hausten in einem verwahrlosten Mietblock am Anfang der Groner Landstraße, dem so genannten »Briese-Bunker«, von dem Besitzer und Immobilien-Tycoon Bruno Briese in einem Interview selber mal gesagt hat, dass das Ding abgerissen gehöre. Steht bestimmt heute noch und spielt vermutlich bei minimalen Investments ordentliche Mieten ein. Die direkt und risikolos das Sozialamt bezahlt.

Aber ich schweife ab. Ich war damals natürlich nicht der arrivierte Yuppie von heute, sondern arm, langhaarig und links. Revolution und Hoch-die-inter-nationale-Soli-dari-tät. Lange nicht so langhaarig und links wie Martin allerdings. Martin war gefühlte zwei Meter groß, eine durchaus imposante Erscheinung mit fiesen Dreadlocks, Bundeswehrstiefeln und Lederjacke. Setzte bei Problemlösungen zwar voll auf Gespräche statt Gewalt, das sah man ihm aber nicht auf den ersten Blick an. Konnte jedenfalls klar als Linker zu identifiziert werden, auch wenn man nichts von seinen Verbindungen in die Hausbesetzerszene und derlei kulturelle Randgruppen wusste.

Was für Leute wie uns, besonders aber natürlich für Martin, nicht unproblematisch war: Der Briese-Bunker beherbergte auch ein, zwei Skinheads. Wobei ein, zwei von denen nicht so schlimm wären, allerdings treten sie ja selten in Paaren sondern meist in Rudeln auf. Wir waren also immer ein bisschen auf der Hut, weil so eine Prügelei mit Skins ist ja nicht der ganz große Spaß. Eines Tages jedenfalls kam Martin am Nachmittag aus der Uni, oder zumindest aus der Mensa, und nestelte unten im Hausflur am Briefkasten ‘rum. Da stürmte ein Regiment Jungnazis in voller Montur die Treppe runter, alle mit Baseballschlägern in der Hand. Martin schloss auf der Stelle mit seinem Leben ab. Der erste Skin stürmte auf ihn los, dann halb seitlich vorbei, rempelte ihn leicht an. Rief »Entschuldigung« und war auch schon zur Tür raus. Der nächste ebenso: »Tschuldigung« und raus. Und der nächste und der nächste. Die ganze Meute rannte hocherregt und bewaffnet an ihm vorbei auf die Straße, um dort aus uns unbekannten Gründen irgendwelche Bürger anzupöbeln. Bis die Bullen auftauchten und die ganze Baggage zerstreuten. Oder so ähnlich. Absurd jedenfalls.

Waren halt nette Skins, jedenfalls zu Leuten im gleichen Haus.

{ 9 comments… read them below or add one }

Niklas November 2, 2006 um 18:16

wer möchte schon zuhause ärger?

Antworten

Roy Bean November 2, 2006 um 22:31

In so einem Briese-Bunker wäre ich in Göttingen Mitte der 80er auch fast gelandet. Zum Glück hatte aber das Studentendorf noch ein Plätzchen frei. Das war immerhin eine halbe Stufe höher auf der Luxusskala. Lang ist´s her …

Antworten

ChernayaAkula November 3, 2006 um 03:21

Ist das das Hochhaus (nun ja, für Göttinger Verhältnisse hoch) zwischen der Kreuzung am Bahnhof und der Bahnstrecke?
Da fahre ich jeden Dienstag auf’m Weg zur Uni dran vorbei.
Hatte es erst mit dem Iduna-Turm verwechselt, aber der ist ja an der Weender. Bei dem zumindest stimmt die Geschichte mit “direkt und risikolos vom Sozialamt”. Wobei eine Bekannte, die in der mobilen Altenpflege tätig war, meinte: “Da rein? Nur mit gezücktem Pfefferspray!”
Als meine Mutter da studiert hat war das noch eine der teureren Buden…
Zum Studentendorf kann ich nich viel sagen. Nur das ein Kollege aus Amerika da ein paar Semester gewohnt hatte und der es etwas heruntergekommen fand.

Oh, falls ihr das noch gar nicht wisst: Anfangs der Semesterferien ist das Oeconomicum quasi abgebrannt. Gab wohl einen heftigen Schwelbrand. Jedenfalls hat die Hitze alles versaut. Ein Feuerwehrmann ist bei den Löscharbeiten tragischerweise ums Leben gekommen. Daraufhin haben sie das Untergeschoss einfach geflutet.
Zur Brandursache gibt es noch keine Erkenntnisse, aber gewisse Ecken haben bereits versucht, die Ursache dem Cafe Kollabs, einem linkem Treffpunkt der Uni, anzuhängen.
Bei aller Tragik kommen die politischen Grabenkämpfe nie zu kurz…

Antworten

borch November 3, 2006 um 10:17

Zum Briese-Block in der Groner fällt mir da auch noch was Nettes ein:
Ich hab da auch mal gewohnt (wohl ungefähr zur selben Zeit wie Herr Kaliban) und mein damaliger Mitbewohner hat es nach einer ordentlichen Party geschafft, schlafwandelnderweise die Wohnung zu verlassen. Er fand sich mitten in der Nacht und vollständig unbekleidet vor unserer ins Schloss gefallenen Wohnungstür wieder – auf der anderen Seite ein Mitbewohner mit 1. einem sehr gesunden Schlaf und 2. mindestens genauso alkoholisiert wie er selbst.
Nun ja – entgegen dem Ruf dieses Gebäudes überlebte er und bekam sogar von einem freundlichen Sozialhilfeempfänger einen viel zu grossen Bademantel geliehen.
Da soll noch mal einer sagen, die Menschen wären nicht freundlich…

Antworten

Gunnar November 3, 2006 um 10:20

was mich an den fall erinnert, als wir nahe unserer haustür einen strunzbesoffenen typen schlafend im flur gefunden haben. dem wir dann durch seine eigene haustür geholfen haben.

Antworten

Ichmittendrin November 3, 2006 um 11:27

coole Story. Muss sich wohl um ne Verwechselung ehandelt haben. Aber du bist doch noch immer Kommunist oder? ;-) Da hab ich ja was angerichtet mit dem Leserbrief…..

Antworten

Konservo-Thomas November 3, 2006 um 15:57

Also, ich war ja schon immer der eher konservative in unserem Dreieck. Der coole Gunnar hat mich zwar hin und wieder mit Linker Propganda beharkt, aber geholfen hat’s nicht recht. Jedenfalls, und es muss raus wie beim Tourette, in Holzminden (und da kennt man sich aus) zahlt das Sozialamt die Miete NICHT direkt an den Vermieter sondern erst an de Mieter, der dann als freier Bürger entscheiden darf ob er’s versäuft oder doch bezahlt – nix risikofrei und so….

Antworten

borch November 3, 2006 um 21:43

@gunnar:
Ihr habt da nur EINMAL nen strunzbesoffenen Typen gefunden?

Antworten

Gunnar November 4, 2006 um 15:16

ja. augen zu und durch.

Antworten

Leave a Comment

{ 1 trackback }

Previous post:

Next post: