Amok

by Gunnar on 12. Dezember 2006 · 20 comments

Sorry an die Mitleserschaft, falls mal wieder leichte Unterhaltung erwartet wird. Bin gedanklich weiterhin beim Thema »Killerspiele«-Phänomen. Und im Zuge meiner Recherchen auf allerlei interessante wissenschaftliche Texte zum Thema »Amoklauf« gestoßen. Die beste Zusammenfassung des aktuellen Standes hat meine Frau gefunden, sie findet sich hier, bei Dr. Volker Faust. Nachfolgend ein paar ganz erhellende Auszüge, der Text ist aber in Gänze lesenswert und auch für Laien einigermaßen verständlich.

Amok-Definition der (WHO): Eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Dabei muss diese Gewalttat mehrere Menschen gefährden, d.h. verletzen oder gar töten, wenn von Amok die Rede sein soll.
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Amok-Motive: Bei den international erfassten Fällen wurden in mehr als der Hälfte auch Angaben über die Beweggründe veröffentlicht. Dies ergab folgendes Verteilungsmuster: In 10% politische Motive, in 22% persönliche oder familiäre Probleme sowie in der überwältigenden Mehrzahl, nämlich in 61% Rache (wobei sich die Rache-Gedanken nicht selten über einen längeren Zeitraum hingezogen haben sollen). In 7% ließ sich eine seelische Erkrankung feststellen, was jedoch nicht als Motiv, sondern Ursache gilt.
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Amok und Waffen-Zugang: Überraschend ist der hohe Anteil von Personen mit Verbindungen zu “waffentragenden” Berufen oder mit besonderem Bezug zu Waffen (“Waffennarren”), nämlich 26% Soldaten und 7% Polizisten. Diese Prozentsätze sind deutlich höher als der Anteil an der entsprechenden männlichen Bevölkerung (so beträgt in Deutschland der Anteil der Soldaten an der männlichen Bevölkerung über 20 Jahre ca. 1,13%, derjenige der Polizisten ca. 1,07%). In den Vereinigten Staaten mit ihrem besonders liberalen Zugang zum Waffenerwerb wird deshalb immer wieder auf die überdurchschnittliche Zeit hingewiesen, die gerade jugendliche Amoktäter mit Schusswaffen verbracht haben oder durch eine erhöhte Faszination charakterisiert waren, was Gewalt und vor allem Waffen anbelangt. Ein schneller Zugriff zu Waffen – so die allseits anerkannte allgemeine Erkenntnis – erhöht die Wahrscheinlichkeit von Suiziden mittels Waffen aber auch von Amoktaten.
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Mögliche Ursachen: Was offenbar kultur-übergreifend und allgemein-menschlich auffällt, sind folgende Aspekte (nach W.M. Pfeiffer, 1994 und L. Adler, 2000). Zuerst die Hinweise mit Schwerpunkt auf früher diskutierte Ursachen (die natürlich auch heute noch ihre Bedeutung haben):

– Geringe geistige und gemütsmäßige (emotionale) Differenzierung des Amok-Läufers.

– Versetzt oder gar isoliert in eine fremde und ggf. sogar noch fremdsprachige Umgebung bzw. eine neuartige Situation.

– Paranoide (wahnhafte) Umdeutung dieser Situation, wobei die Umwelt als feindselig erlebt wird. Der Betroffene vermag niemanden zu erkennen, auf dessen emotionale (gemütsmäßige) und praktische Hilfe er sich verlassen könnte.

– Deshalb erlebt er sich selbst als existenziell bedroht und unfähig, die Situation auf herkömmliche Weise zu bewältigen (z. B. mit den üblichen Verhaltensmustern oder vernünftigen Überlegungen, die jedermann zu Gebote stehen – meist mit befriedigendem Erfolg).

– Das Gefühl des Bedrohtseins und der Machtlosigkeit, ggf. übersteigert durch einen schweren Verlust, z. B. durch Verlassenwerden, Trennung, Scheidung, Tod einer nahen Bezugsperson oder auch “nur” von Geld im Spiel bzw. durch einen “Gesichtsverlust”, wie er ja in manchen Kulturen eine für uns kaum nachvollziehbar wichtige Rolle spielt.

Die Verfügbarkeit von Waffen und die Fähigkeit, damit umzugehen.

– Die Einstellung, dass das Leben anderer Menschen und sogar das eigene Leben letztlich keinen hohen Wert darstellt, wogegen das Töten als Mittel der Situationsbewältigung akzeptiert und vielleicht sogar als heroisch glorifiziert wird – genauso wie das Getötet-Werden.
[…]
Die Rolle der Medien: In diesem Zusammenhang ist auf den von den Massenmedien propagierten westlichen Zeitgeist hinzuweisen, der zur Popularisierung und insgeheimen Bewunderung von Machos wie Rambo und anderen Killertypen beiträgt. Ebenfalls zu beobachten ist eine Zunahme dissoziativer Bewusstseinsveränderungen in Nordamerika und der weit verbreitete Gebrauch psychoaktiver Substanzen. Dies ist von prognostischer Relevanz, denn gefährliches Amok-Verhalten ist im wesentlichen bestimmt durch unkontrollierte Dissoziations-Bereitschaft und Tendenz zu enthemmter Gewalttätigkeit (W. G. Jilek und L. Jilek-Aall, 2000).
Angesichts der Flut von Gewaltdarstellungen, denen Jugendliche und sogar Kinder in ihrem mehrstündigen Fernsehkonsum alltäglich ausgesetzt sind, lässt sich hier wohl keine primäre Ursache für entsprechende Massenmorde objektivieren. Die Medien mögen eine von verschiedenen Einflussgrößen sein, doch wird man ihnen nicht die alleinige Schuld zuschieben können, sonst müssten viel mehr Gewalttaten geschehen. Denn es sind Millionen Jugendliche und sogar Kinder, die täglich und mehrere Stunden lang diesen zwiespältigen Medien-Einflüssen ausgesetzt sind. Der größere Einfluss scheint der individuellen Disposition (Neigung zur Gewalttätigkeit) zuzukommen, d.h. den psychologischen bzw. psychosozialen Voraussetzungen.[…] Auch drohen im Bereich der Medien generell offenbar gefährlichere Einflussfaktoren als reine Spielfilme, gibt u.a. Diplom-Psychologe J. Hoffmann vom Institut für Psychologie der TU Darmstadt zu bedenken. Dazu gehören beispielsweise die so genannten Ego-Shooter, also Computerspiele, bei denen man aus der Perspektive eines bewaffneten Aggressor heraus virtuelle (also nicht reale, sondern scheinbare) Gegner niederschießt.
[…]
Berichterstattung über »Amokläufe«: Es gilt […] die Art der Berichterstattung über Amokläufe kritisch zu hinterfragen. Denn die scheint einen nicht unerheblichen Einfluss auf mögliche Folgetaten auszuüben. In der Selbstmord-Forschung sind solche Nachahmungs-Phänomene unter dem Begriff Werther-Effekt (siehe das entsprechende Kapitel) bekannt. Dort zeigt sich, dass die Darstellung in Film und Fernsehen von aufsehenerregenden Selbsttötungen, vor allem in direkter Folge, zu einer Erhöhung von Suiziden beitragen kann, und zwar gerade bei jungen Menschen. Auch beim Amok scheint eine solche Verknüpfung nicht ausschließbar. Damit bestünde die Gefahr, dass mit einer solchen medienwirksam berichteten Tat entsprechende Nachfolge-Bestrebungen Tür und Tor geöffnet werden. Die Erfahrung in den USA lässt jedenfalls Schlimmes befürchten. Junge Amokläufer, die sich mit einer solchen Bluttat zu düsterer Größe und machtvoller Bedeutung aufschwingen, könnten auch hierzulande in entsprechenden Kreisen oder zumindest bei einzelnen Personen zu heroischen Figuren aufsteigen, die ein verlockendes Identifikations-Potential bieten – gerade für ohnehin grenzwertige, vor allem so genannte ich-schwache Persönlichkeiten mit mangelnder Kompensationsfähigkeit.

Sortierung und Betonungen von mir.

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