Januar 2007

Es gibt kein richtiges Leben im Valschen

by Gunnar on 31. Januar 2007 · 16 comments

Mich macht langsam, langsam der Hype um Second Life verrückt. Klar, es ist einzig, klar, es ist erfolgreich. Aber ist es wirklich nötig, dass alle Welt jetzt da drin Läden aufmacht, Zeitungen verlegt, wie Schweden ein Konsulat eröffnet? Argh. Und was hat es für einen Sinn, Amazon-Zeuchs da zu kaufen, anstatt auf der regulären Website?

Übrigens irritierend, dass ein so offenkundig profitträchtiges, zukunftsweisendes und imageförderndes Feld einer Mini-Firma wie Linden Labs überlassen wird. Wenn ich, sagen wir, der Coca-Cola-Konzern wäre, dann würde ich ein Zehntel, ach ein Zwanzigstel, meiner Marketinggelder nehmen und Cokespacetm bauen, ein intelligent designtes, modulares und — im Gegensatz zu Second Life — vielleicht sogar easy bedienbares Metaversum. Selbstverständlich wäre es kostenlos für jedermann, ich würde sogar Land verschenken. Das Ziel wäre, die Schnittstelle für alles zu werden, der Mega-Hub, an den alles angedockt wird, was interaktiv sein will: »Hey, Sie wollen Call of Duty 5 spielen? Gehen Sie mit Ihrem Cokespacetm-Avatar auf Ebene 5, Flur 3, War City — dort ist der Eingang in die Call of Duty-Welt. Vergessen Sie nicht, Ihrem Avatar in der Schleuse eine der dort bereit liegenden Uniformen anzuziehen. Und sich eine Waffe auszusuchen. Der Eintritt kostet 1 CokeDollartm pro Stunde, die ersten zwanzig Minuten sind frei.« So ungefähr.

Hat mal jemand 50 Millionen Euro für mich?

Vorsicht! Literatur!

by Gunnar on 30. Januar 2007 · 16 comments

Sehr kurze Kurzrezensionen einiger Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Streng subjektiv und ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Vielleicht fühlt sich ja dennoch jemand angeregt.

hartmut und ich

Oliver Uschmann: Hartmut und ich
Uschmann ist irgendwie einer von uns. Wer auch immer “uns” in diesem Zusammenhang ist. Wenn ich ihn lese, fühle ich mich, als würde ich ihn persönlich kennen und das schon lange. Dies ist sein erstes Buch, es liest sich ein bisschen sehr wie eine Reihe von Blog-Einträgen, ist aber so witzig, so schlau und so nachvollziehbar, dass man die leicht inkohärente Form easy verzeiht. Kann man blind kaufen.
Hey, worum geht’s eigentlich? Ach, ist doch egal: die absurden Erlebnisse der Männer-WG eines überaktiven Philosophiestudenten und eines UPS-Packers.

osc empire

Orson Scott Card: Empire
Ich liebe die Bücher von OSC. Obwohl der Mann religiös ist und politisch weit rechts steht. Schließlich kann man Science Fiction auch schreiben, ohne sich auf rechts-links-Spielereien einzulassen — und was Card über Menschen, Freundschaften und Familien schreibt, funktioniert unabhängig von der politischen Einstellung. Dieses Buch hingegen ist offen politisch, auf eine Art, die nur schwer zu ertragen ist. Card bemüht sich, seine Angriffe auf die liberale Linke zu verschleiern, indem er auch die Rechten ein bisschen kritisiert, aber das ist allzu offensichtlich. Davon mal abgesehen, ist das Buch langweilig, miserabel konstruiert, und die Hauptfiguren sind Abziehbilder. Schlicht eine Katastrophe. Habe es nur bis zu Hälfte geschafft, dann musste ich entnervt abbrechen.
Hey, worum geht’s eigentlich? Will man nicht wissen. Anschlag auf den US-Präsidenten, Chaos, eine linke Splittergruppe übernimmt die Macht, die von Demokraten geführten Staaten (»blue states«) erkennen die neue Regierung an, ein Bürgerkrieg bricht aus. Die Helden sind zwei aufrechte, konservative, ehrliche, harte Jungs von den Special Ops. Uh.

galactic north

Alastair Reynolds: Galactic North
Schwer, da was zu zu sagen. Ich mag, was Reynolds schreibt, habe aber vollstes Verständnis für Leute, die ihn zum Kotzen finden. Reynolds ist harte Science Fiction, im Groben wie Asimov. Personen interessieren ihn nicht so, die Technik wird seitenlang beschrieben. Mich fasziniert die (weitgehend Alien-freie) Welt, die er entwirft, vor allem die Nation der Conjoiners, Menschen, die sich Nanomaschinen ins Hirn pumpen, um als Gruppe eine Art Massenbewusstsein zu entwickeln.
Hey, worum geht’s eigentlich? Acht Kurzgeschichten, nicht gerade der ideale Einstieg in Reynolds’ Werk. Wer die restlichen Bücher kennt, freut sich über das Wiedersehen mit guten Bekannten. Allerdings lesen sich die Storys nicht wie richtige Geschichten, mehr wie Kapitel aus Büchern. Anspieltipp: Weather.

lolita

Rick Gekoski: Eine Nacht mit Lolita
Der Autor handelt mit seltenen Büchern, einzigartigen Ausgaben im Wert von Tausenden von Pfund. Und schreibt über seine Erlebnisse. Das ist alles ausgesprochen unterhaltsam, nett zu lesen, warmherzig und humorvoll. Leichte Kost für Literaturfans. Liest man in ein paar Stunden durch, hat aber trotzdem hinterher kein Fastfoodgefühl im Hirn.
Hey, worum geht’s eigentlich? Kein Roman, nur Geschichtchen: Gekoski geht mit Graham Greene trinken, wird von Salinger verklagt, plaudert mit Salman Rushdie. Und kauft Bücher von ihnen.

coake

Christopher Coake: Bis an das Ende der Nacht
Auf dem Umschlag steht ein Blurp, ein Zitat von Nick Hornby: »Beim Lesen dieser Geschichten werden Sie vergessen zu atmen.« Das ist wahr. Und zugleich alles, was man über diese Kurzgeschichtensammlung wissen muss. Unglaublich intensiv, teils fies. Starke Gefühle, machtvolle Sprache. Beeindruckend.

Hirntod, 15 Minuten

by Gunnar on 29. Januar 2007 · 18 comments

Manchmal wächst aus einem Nierenkrebs eine Art Tannenzapfen in die große Hohlvene. Das nennt man einen Tumorthrombus. Diese Zapfen werden in drei Stufen unterteilt, je nachdem, wie lang der Zapfen ist. Vor einigen Monat habe ich bei einer Operation assistiert mit der Mutter aller Zapfen — Level III, bis ins Herz . Bei dem 15-Stunden-Eingriff haben sechs Ärzte, mich selber mitgerechnet, Brustkorb und Bauch eröffnet und den Tumor entfernt.
Das Besondere an diesen extremen Eingriffen ist, dass es einen Moment gibt — 15 Minuten exakt — während derer der Patient gewollt in den Hirntod überführt wird. Dann fließt kein Tropfen Blut durch den gekühlten Körper, die Herz-Lungen-Maschine steht still, die Hirnströme erlöschen.
Der Mensch ist tot.
Nur ein blinkender Schirm am Kopf des Patienten misst die verstreichenden Minuten, die ein Arzt regelmässig laut aufsagt, um zu erinnern, dass die Zeit drängt. Etwas zu lange, und bleibender Hirnschaden stellt sich ein. Dann, getan ist was getan werden musste, wird die Herz-Lungen-Maschine wieder eingeschaltet — und Hirnaktivität und später auch Herzschlag kommen wieder zurück, als ob nichts gewesen sei. Zwei Tage danach spricht der Mensch wieder seine ersten Worte nach seiner Wiederbelebung, von all’ dem nichts wissend.

Geisterhaft.

An Tagen wie diesen

by Gunnar on 28. Januar 2007 · 9 comments

An Tagen wie diesen, wo ich mit dem Laptop in der Küche sitze und auf den Innenhof blicke, verschneit, mit kahlen Bäumen und am Sonntag morgen menschenleer, an Tagen wie diesen, wo ich die Kirchenglocken höre, wie sie sich mit dem türkischen Gedudel mischen, das ganz schwach aus der Nachbarwohnung dringt, an Tagen wie diesen, wo der Himmel gemischt grau von oben drückt, da ist München einfach eine Stadt und von meinem Fenster aus nicht zu unterscheiden von Berlin, Hamburg, Köln. Da ist 2007 nicht zu unterscheiden von 2006. Wenn ich jetzt noch eine alte CD einlege, falle ich vollends aus der Zeit und muss eine Nachrichten-Site aufrufen, um mich zu überzeugen, dass ich noch im hier und jetzt bin.

Remember Kirk

by Gunnar on 27. Januar 2007 · 16 comments

Das Beste ist der Captain.
Wie Kirk, nur mit `nem kleineren Raumschiff.

Mein Kollege, der Herr B., kommentiert die großartige Serie Firefly mit der ihm eigenen Genauaufdenpunktigkeit.

james t. kirk malcolm reynolds

Wo wir gerade dabei sind, nehme ich meine Chronistenpflicht wahr und erinnere an die schönsten Kapitänszitate. Wer sich für schlau hält, kann ja mal raten, welche von Captain Kirk (Enterprise) sind und welche von Captain Reynolds (Serenity):

“Half of writing history is hiding the truth.”
“We have them just where they want us.”
“The odds are against us and the situation is grim.”
“One of the advantages of being Captain is being able to ask for advice without necessarily having to take it.”
“This is the captain. We have a little problem with our entry sequence, so we may experience some slight turbulence and then – explode.”
“You belong in the circus, Spock, not on a starship.”
“I don’t believe in the no-win scenario.”
“I aim to misbehave.”
“Faster! Faster! Faster would be better!”
“I’m going to sleep this off. Please let me know if there’s some other way we can screw up tonight.”
People think the future means the end of history, well, we haven’t run out of history just yet.”

Naheliegender Scherz, eigentlich

by Gunnar on 26. Januar 2007 · 2 comments

KLICKBEFEHL. Via D-Frag.

Ein Spiel für Peter

by Gunnar on 26. Januar 2007 · 12 comments

Ich schreibe hier ja aus Prinzip selten über GameStar oder Spiele an sich, aber diese Geschichte muss erzählt werden. Obiger Ausriss stammt aus einem Artikel der letzte Ausgabe, es ging um die zehn einflussreichsten Spiele. Zu jedem gab es eine kundige Beschreibung und ein kurzes Statement der Designer-Legenden Molyneux (Black & White) und Shelley (Age of Empires). Bei Rebel Assault allerdings passten beide — das hatten sie seinerzeit nicht gespielt. Nun kam diese Woche ein kleiner Junge zu uns in die Redaktion, in den Händen einen ausgedruckten Brief und eine CD ohne Hülle. Die CD war eine Budget-Version von Rebel Assault, im Brief stand folgendes:

Bitte leiten Sie diese CD Herrn Shelley oder Herr Molyneux zu, damit einer von ihnen Rebel Assault auch mal spielen kann. Ich habe das Spiel ja schon durch.

Ist das nicht süß? Ich hätte heulen können vor Rührung.

Bleistiftverkäufer

by Gunnar on 25. Januar 2007 · 6 comments

Holländisch hat eigene Idiomen. Menschen, die eine andere Sprache
sprechen, denken auch anders. Das niederländische Wort für
Exhibitionist ist »potloodventer«.
Wörtlich übersetzt bedeutet das »Bleistiftverkäufer« — wohl eine
Anspielung auf gesetzte Herren in langen Mänteln, unter denen sie nackt
mit Strumpfhaltern herumlaufen.
Man erinnere sich auch an Schlemiel aus der Sesamstrasse, der Ernie
flüsternd Buchstaben verkaufen will. Das Phänomen des Strassenhändlers
gibt es inzwischen nicht mehr, aber letztens habe ich mich mal gefragt
ob denn noch in grossem Stil ge-exibitioniert wird…

Anmerkung von Gunnar: Ist Exibitionismus nicht irgendwie arg harmlos für diese Zeit, in der jede Art von Perversion über das Internet zu haben ist? Muss man als Perverser bei der heutigen Marktlage nicht irgendwie mehr tun, um aufzufallen und Mädchen zu erschrecken?

Schnee!

by Gunnar on 24. Januar 2007 · 12 comments

Uh. Von Frühling zu Schneechaos in nur 48 Stunden. Und immer noch hat niemand ein Auto erfunden, wo beim Öffnen der Fahrertür der Schnee nicht auf den Sitz fällt.

Verlegenheitskatzenbild

by Gunnar on 23. Januar 2007 · 13 comments

Wie es sich für einen guten Blogger gehört, muss man, sollte einem einfach nichts einfallen, oder schlimmer, sollte einem so einiges einfallen, oh so einiges, das zu verfassen aber eine Mühsal wäre, für die man gerade keine Zeit hat, dann also muss man einfach mal die Stumpfheit haben, schlicht ein Foto zu posten. Vorzugsweise mit Katzen drauf. Oder Frauen.

Ach, lieber mit Katzen.

Beat the Kafers

Januar 22, 2007

In den golden days meiner Rollenspielerzeit habe ich ein paar Mal probiert, eine tolle Alien-Rasse zu entwerfen — das ist mir nie glaubwürdig gelungen. Andere Leute können das besser: Im Rollenspiel* 2300 A.D. findet sich die spektakulärste Beschreibung einer fremden Rasse ever ever. Die Kafer* sind Schurken und, ohne jetzt zu sehr ins Detail zu […]

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DS! DS! DS! Wii?

Januar 21, 2007

Es ist passiert: Meine Mutter hat sich ein DS geshoppt. Wegen Dr. Kawashima und seinem spektakulären Gehirn-Jogging. Nicht aufschwatzen lassen, sondern richtig freiwillig gekauft. Erstaunlich. Nintendo hat’s wirklich und wahrhaftig geschafft, das mit dem Brücken schlagen zu neuen Zielgruppen. Ich vermute übrigens, dass sie demnächst Gehirn-jünger ist als ich — ich stehe bei 23 (weil […]

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