Der alte Herr von eins höher

by Gunnar on 17. Januar 2007 · 4 comments

Bei uns im Haus, vor ein paar Jahren, zwei Umzüge zurück, da wohnte ein Herr Sedlmayr. Ein feiner Herr, einfacher Mann, aber schlank im hohen Alter und immer tadellos gekleidet im schlichten Anzug mit Trachtenjoppe. Schmales Gesicht, grauer Schnäuzer, hochgewachsen, aber von mehr als 80 Jahren gebeugt. Dieser Herr hatte seine Wohnung im vierten Stock, eine Etage über uns. Manchmal begegnete ich ihm im Treppenhaus, wenn er sich mit seinem Einkaufsbeutel über der linken Schulter und dem Gehstock in der rechten Hand die Stufen hinauf quälte. Dabei rutschte ihm oft der Beutel halb von der Schulter, aber er konnte ihn nicht wieder hinschieben, weil er die andere Hand als Stütze brauchte. Ich eilte dann hinzu, nahm ihm die Tasche ab — sie enthielt meist kaum mehr als drei, vier Artikel, Milch, Brot, Käse — und trug sie ihm in seine Wohnung. “Ach, Herr Sedlmayr, was wohnen Sie in Ihrem Alter auch so weit oben?” “Junger Mann, als ich vor 40 Jahren hier eingezogen bin, dachte ich nicht daran, dass mir die paar Stufen mal Mühe machen würden.” Ich setzte die Tasche vor seiner Tür ab und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Einmal bat er mich hinein, grinste mich spitzbüsch an und reichte mir mit einer linkischen Rückhandbewegung eine Piccolo-Flasche Sekt: “Für Sie.” “Ach, Herr Sedlmayr, das ist doch nicht nötig.” Aber der Herr Sedlmayr ließ sich nicht beirren.

Herr Sedlmayr ist schon seit ein paar Jahren tot. Ich kannte ihn kaum, dies ist meine Erinnerung an ihn. Jetzt kennt ihr ihn auch. Irgendwie.

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