Vorsicht! Literatur!

by Gunnar on 30. Januar 2007 · 16 comments

Sehr kurze Kurzrezensionen einiger Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Streng subjektiv und ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Vielleicht fühlt sich ja dennoch jemand angeregt.

hartmut und ich

Oliver Uschmann: Hartmut und ich
Uschmann ist irgendwie einer von uns. Wer auch immer “uns” in diesem Zusammenhang ist. Wenn ich ihn lese, fühle ich mich, als würde ich ihn persönlich kennen und das schon lange. Dies ist sein erstes Buch, es liest sich ein bisschen sehr wie eine Reihe von Blog-Einträgen, ist aber so witzig, so schlau und so nachvollziehbar, dass man die leicht inkohärente Form easy verzeiht. Kann man blind kaufen.
Hey, worum geht’s eigentlich? Ach, ist doch egal: die absurden Erlebnisse der Männer-WG eines überaktiven Philosophiestudenten und eines UPS-Packers.

osc empire

Orson Scott Card: Empire
Ich liebe die Bücher von OSC. Obwohl der Mann religiös ist und politisch weit rechts steht. Schließlich kann man Science Fiction auch schreiben, ohne sich auf rechts-links-Spielereien einzulassen — und was Card über Menschen, Freundschaften und Familien schreibt, funktioniert unabhängig von der politischen Einstellung. Dieses Buch hingegen ist offen politisch, auf eine Art, die nur schwer zu ertragen ist. Card bemüht sich, seine Angriffe auf die liberale Linke zu verschleiern, indem er auch die Rechten ein bisschen kritisiert, aber das ist allzu offensichtlich. Davon mal abgesehen, ist das Buch langweilig, miserabel konstruiert, und die Hauptfiguren sind Abziehbilder. Schlicht eine Katastrophe. Habe es nur bis zu Hälfte geschafft, dann musste ich entnervt abbrechen.
Hey, worum geht’s eigentlich? Will man nicht wissen. Anschlag auf den US-Präsidenten, Chaos, eine linke Splittergruppe übernimmt die Macht, die von Demokraten geführten Staaten (»blue states«) erkennen die neue Regierung an, ein Bürgerkrieg bricht aus. Die Helden sind zwei aufrechte, konservative, ehrliche, harte Jungs von den Special Ops. Uh.

galactic north

Alastair Reynolds: Galactic North
Schwer, da was zu zu sagen. Ich mag, was Reynolds schreibt, habe aber vollstes Verständnis für Leute, die ihn zum Kotzen finden. Reynolds ist harte Science Fiction, im Groben wie Asimov. Personen interessieren ihn nicht so, die Technik wird seitenlang beschrieben. Mich fasziniert die (weitgehend Alien-freie) Welt, die er entwirft, vor allem die Nation der Conjoiners, Menschen, die sich Nanomaschinen ins Hirn pumpen, um als Gruppe eine Art Massenbewusstsein zu entwickeln.
Hey, worum geht’s eigentlich? Acht Kurzgeschichten, nicht gerade der ideale Einstieg in Reynolds’ Werk. Wer die restlichen Bücher kennt, freut sich über das Wiedersehen mit guten Bekannten. Allerdings lesen sich die Storys nicht wie richtige Geschichten, mehr wie Kapitel aus Büchern. Anspieltipp: Weather.

lolita

Rick Gekoski: Eine Nacht mit Lolita
Der Autor handelt mit seltenen Büchern, einzigartigen Ausgaben im Wert von Tausenden von Pfund. Und schreibt über seine Erlebnisse. Das ist alles ausgesprochen unterhaltsam, nett zu lesen, warmherzig und humorvoll. Leichte Kost für Literaturfans. Liest man in ein paar Stunden durch, hat aber trotzdem hinterher kein Fastfoodgefühl im Hirn.
Hey, worum geht’s eigentlich? Kein Roman, nur Geschichtchen: Gekoski geht mit Graham Greene trinken, wird von Salinger verklagt, plaudert mit Salman Rushdie. Und kauft Bücher von ihnen.

coake

Christopher Coake: Bis an das Ende der Nacht
Auf dem Umschlag steht ein Blurp, ein Zitat von Nick Hornby: »Beim Lesen dieser Geschichten werden Sie vergessen zu atmen.« Das ist wahr. Und zugleich alles, was man über diese Kurzgeschichtensammlung wissen muss. Unglaublich intensiv, teils fies. Starke Gefühle, machtvolle Sprache. Beeindruckend.

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