Alternative Medizin

by Gunnar on 26. Februar 2007 · 16 comments

Manchmal besuchen, in Holland etwas seltener als in Deutschland, leichtgläubige Sozialkundelehrerinnen mit Doppelnamen meine Sprechstunde und fordern mich auf, Position zur Alternativen Medizin zu beziehen. In Holland, noch schlimmer, Alternative Heilmethoden genannt. Dann ist immer Aufpassen geblasen, flackert doch der fanatische Irrsinn einer Pseudoreligion im Auge der Kundin. Die will nämlich gar nicht wissen, was ich davon halte, sondern mir eine Lektion erteilen, eine Lektion im Respektieren anderer auch sehr guter Behandlungs- und Glaubensrichtungen. So weit, so vorhersagbar.
Man fragt sich nur: Alternative — zu was denn ? Es gibt nur eine Medizin, das ist die die heilt oder sieht, wenn das nicht geht. Der große Unterschied zwischen Schulmedizin und Alternativer Medizin ist die Verknüpfung von Ursache und Wirkung. Die wird in der Schulmedizin
nicht einfach so herbeifantasiert, sondern muss mühselig bewiesen werden. Ein Baby das viel heult, das ist so ein Phänomen. Es gibt Leute, die
behaupten, das käme von der Passage durch den Geburtskanal und einem
verschobenen Halswirbel. Der muss dann mit kräftigen Handbewegungen wieder
eingedrückt werden. Natürlich durch einen besonders dafür ausgebildeten
Spezialtherapeuten — Mumpitz!
Der Unterschied bleibt: Ein Arzt ist auf der Suche nach der Wahrheit, auf
der Suche nach der beweisbaren Verknüpfung von Beobachtungen. Bewiesen ist
nur, was überall so funktioniert. Das ist anstrengend und dauert beinahe
ewig. Ein Alternativer Heiler hat diese Suche aufgegeben oder nie damit
begonnen. Das geht ganz schnell.

Anmerkung von Gunnar: Hm. Sehe ich ähnlich, allerdings mit ein paar Einschränkungen — die Schulmedizin (in Figur ihrer heutigen Repräsentanten) sucht verzweifelt nach Effizienz im Kleinen, da sie im Großen nicht mehr machbar ist. Also wird die Anamnese verkürzt, vorschnell auf somatische Ursachen behandelt obwohl die Ursache psychisch ist, vorschnell in die Psycho-Ecke abgeschoben obwohl die Ursache somatisch ist. Immer auf der Suche nach Krankheitsbildern, die sich im ICD-10 abbilden lassen, mit wenig Sinn für Gesamtverfassung, Geschichte und Lebensumstände des Patienten.
Diese partielle Missachtung, entstanden durch Kostendruck oder schlechte Ausbildung oder wasauchimmer reißt die Lücken auf für die Quacksalber, die Eso-Therapeuten, die Leute ohne echte Heilausbildung, deren hauptsächliche Leistung darin besteht, dass sie dem Patienten einfach mal zuhören.

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