Briefe in roter Tinte

by Gunnar on 24. Februar 2007 · 8 comments

Ich wüsste nicht, wann ich zuletzt einen Brief bekommen hätte. Einen richtigen Brief, nicht so einen Computerausdruck, den vielleicht oder vielleicht auch nicht ein Mensch unterschrieben hat. Die lieben Tanten, die mich früher zum Geburtstag mit ein paar netten Zeilen und ein paar netten Zehnmarkscheinen versorgt haben, diese Tanten sind nicht mehr. Mich haben derlei Briefe, bei aller Freude, aber auch immer unter Druck gesetzt, weil ja dann rasch eine Antwort geschrieben werden musste. Ich hatte mein Leben lang eine scheußliche Jungshandschrift und beim Briefeschreiben schlimmen Inspirationsmangel. Das endete immer so: Im Kuvert an Tante U. oder E. landete ein einzelnes A5-Blatt, in das ich mit Kugelschreiber und angestrengter Geste acht Zeilen hineingepresst hatte, im Äquivalent zu 25-Punkte-Schrift, damit die Seite schneller voll wird. Und großzügigem Weißraum. Liebe Tante, vielen Dank für blabla, es geht mir blabla, Oma und Opa geht es auch blabla. In der Schule läuft es blabla, das Wetter ist blabla, ich muss jetzt schließen, Dein Neffe Gunnar, Punkt. Man konnte, weil ich immer so fest aufdrückte, den Brief problemlos auch von der Rückseite lesen.
Später kam ich in das Alter, in dem man auch mal Briefe von Mädchen bekommt. Das ist natürlich ganz was anderes als Tantenpost, da habe ich schwärmerisch dem nächsten Brief entgegengefiebert und den Umschlag nicht einfach aufgerissen, sondern das Öffnen zelebriert wie bei einem kostbaren Geschenk. Was macht da eigentlich die heutige Jugend? Schreibt man noch Liebesbriefe oder bleibt es bei der neutralen Unmittelbarkeit von SMS und E-Mail? Oder denke ich zu kurz — und man schickt sich heute sorgsam gestaltete Fototagebücher voller poetischer Aufnahmen oder verträumte Videobotschaften? Meine seinerzeitigen Freundinnen hatten einen Hang zu farbigen Tinten, bunten Aufkleberchen und Minizeichnungen um bestimmte Bemerkungen zu illustrieren. Ich meinerseits habe mir für derlei Gelegenheiten gar mühsam eine halbwegs lesbare Liebesbriefhandschrift antrainiert, um in diesem wichtigen Geschäft nicht schlecht dazustehen. Die Briefe und Karten der Damen habe ich natürlich verwahrt; wie sich meine eigenen Briefe lasen, weiß ich heute nicht mehr. Hatte ich da auch, wie bei der Tantenpost, die Neigung zur Verknappung? Oder habe ich ausschweifend die Hundert Gründe Meiner Liebe beschrieben? Keine Ahnung mehr. Muss mal meine Frau fragen.

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