Eine Frage des Wertungssystems

by Gunnar on 29. März 2007 · 15 comments

Wenn man im Stau steht oder eigentlich nicht im Stau, sondern in dem Schritttempo-Ringelpiez aus Autos, den der Mittlere Ring am frühen Abend bildet, dann hat man erstaunlich viel Zeit für dumme Gedanken. Ich schaue dabei gerne in den Wagen nebenan und versuche mich im Bilden von 5-Sekunden-Vorurteilen, seit jeher eines meiner liebsten Hobbys. Blick 1 (Sondierung): hübsche blonde junge Dame mit lässiger Schlägermütze. Blick 2 (Vertiefung): Hey, die trinkt Red Bull aus der Dose. Blick 3 (ganzheitlich): Das ist doch ein Cooper S, den die fährt. Insgesamt also ein stimmiges Bild, vielleicht einen Tick zu sehr Klischee, aber mit einem österreichischen Nummernschild darf man das. Und auf der Skala für pseudo-urbanes Hipstertum sieht es nicht übel aus: blond & Mütze (+2), Red Bull (+1), Mini (+2) in der Cooper S-Version (+3), weiblich (+2), unterwegs in München-Ost (-1), alles in allem sind das solide 9 Punkte.

Überhaupt, wo wir gerade dabei sind, man gibt Menschen und Dingen viel zu selten Noten, dabei erleichtert das so das drüber reden, vor allem (oder eigentlich ausschließlich) unter Männern. Wenn man mit Hey, die Lady da hinten hat aber einen gefälligen Körperbau ins Gespräch einsteigt, ist das nicht halb so griffig wie Die da? Ich würde mal sagen, das sind 6/8/8 auf der GBA-Skala. GBA steht dabei für, ach, wofür schon, allzu Offensichtliches soll man gar nicht erst hinschreiben. Das gibt bloß böses Blut bei mitlesenden Frauen. Frauen sind ja eher so ganzheitlich orientiert, die stehen nicht auf derlei Zuspitzungen, hört man.

Also gehen wir zu einem weniger verfänglichen, weil männlichen, Benotungsbeispiel über: zu Kalle. Kalle trägt Glatze, Russenschnauzer, schwarze Lederjacke, Sick of it all-T-Shirt, dazu breite Schultern, große Hände, laute Stimme – you get the picture. Mit Kalle war ich neulich beruflich in Boston, ein Kollege tat zufällig eine Szenekneipe um die Ecke auf, wir tranken ein paar Bier. Am nächsten Tag gingen wir getrennter Wege, trafen uns aber am späten Abend zufällig in besagter Kneipe wieder. Jetzt zur Sache — Kalle, bewertet nach den knallharten Maßstäben der Punk Credibility: Er war betrunken (+3), kannte plötzlich jeden im Laden (+2) inklusive des Barkeepers (+3), trug das weiter oben beschriebene Outfit (+3) und den dazu passenden Körperbau (+2). Dann erwähnte er noch was von einem Kumpel, der Roadie (+1) bei den Drop Kick Murphy’s sei (+3) und uns heute noch auf ein Punkkonzert mitnehmen würde (+3). Ich fragte nach dem Namen der Band, die Antwort: Green Gang. Ich wieder: Gang Green? DIE Gang Green? Er: (blinzelt Unverständnis). AHA! ERWISCHT! AUF PUNK MACHEN, ABER GANG GREEN, DIE, UH, HEUTE ZU RECHT VERGESSENEN PUNK-IKONEN DER 80ER, NICHT DRAUF HABEN. MINUS 10. So. Das war’s mit der Punk Credibility. Tschüss, Kalle.

Aber genug vom Punk, der Stau löst sich, die Cooper-Dame ist fort, ich lenke meinen Firmen-1er (-2) am Stahlgrubercenter (-1) vorbei in die Tiefgarage meiner Eigentumswohnung (-3). Steige aus, grüße die kratzige Nachbarin (-1), nehme aus Faulheit rasch den Aufzug statt der Treppe (-1) und setze mich, kaum in der Wohnung angelangt, an meinen Vista-PC (-1), um, nun ja, zu bloggen (-5).

Ach. Hoffnungslos.

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