Konsumverzicht I: Die Frau und das Heft

by Gunnar on 24. März 2007 · 16 comments

Mein Supermarkt in München ist ein Tengelmann und somit wie jeder andere Supermarkt auch: Voller bizarrer Sachen, die zu kaufen ich nie in Erwägung ziehe. Ich gehe durch die Gänge der Dinge, rechts und links designtes Essen, Fabrikfutter. Mir unerklärlich, wer das ganze Tiefkühlzeug, die ganze Fertignahrung, das ganze Convenience Food eigentlich kauft. All die Curry Kings, Tütensuppen, Eintopfdosen, Fertigpizzen et cetera. Allesfalls auf 20 Prozent seiner Fläche bietet der Supermarkt Waren an, die ich brauchen kann. Egal, weil Einkaufen langweilt, gucke ich den anderen Leuten in die Einkaufswägen und versuche, mir anhand des Inhalts ein Bild zu machen. Man kann direkt spüren, wie das eigene Gehirn die Vorurteile durchrattert: frische Oliven — anspruchsvoller Feinschmecker; viel abgepackte Wurst — nachlässiger Standardkäufer; Bio-Weingummi — Öko-Nazi; Wein im Tetra Pak — Unterschicht. Und so weiter. Stufe 2 ist es, die Vorurteile mit den Vorteilen über die schiebenden Menschen in Einklang zu bringen. Gruselig war das heute bei der Frau vor mir an der Kasse, wo Gekauftes, Getragenes und Gesicht zielsicher auf, nun ja, bildungsferne Schicht deuteten. Besagte Frau plante folgerichtig den Erwerb einer dieser volksverdummenden Frauenzeitschriften, Das neue Blatt oder sowas, voll mit dem Faktischen fernen Geschichtchen über die Probleme der Prominenten. Eskapismus. Schlimm. Ich verurteile sowohl das Lesen als auch das Verlegen dieser Hefte. Egal, die Frau jedenfalls nahm das Blatt wieder vom Band, als sie sah, dass ihr abgezähltes Geld nicht reichen würde. Ogott, zu wenig Geld für ein billiges 1.20-Heftchen. Konsumverzicht im Werte von 1.20, und das, wo ich mir eher Gedanken mache, ob die PS3, ein derzeit noch weitgehend nutzloses 600-Euro-Gadget, nicht einen Tick zu teuer wäre. Meine Sorgen möchte man haben. Ich kaufe der fremden Frau dann die Zeitschrift, auf hoffentlich nicht allzu beschämende Weise, Haben Sie zu wenig Geld DABEI? Legen Sie das Heft bei mir mit drauf, aber ob ich ihr damit einen Gefallen tue, weiß ich auch nicht und kann es auch nicht von ihrem Gesicht ablesen.

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