Die Spur der Steine

by Gunnar on 19. Mai 2007 · 12 comments

Die Gegend, in der ich wohne, ist ein Kriegsgebiet. Die Schlachten werden allerdings nicht mit konventionellen Waffen ausgetragen, sondern mit Baggern, Raupen, Gerüsten. Überall Sperren, überall Gruben. Alles provisorisch, improvisiert, temporär. Kein Charme, keine Ruhe, nichts. Und der Krach. Und der Staub. Aber egal, als ich heute auf dem Weg zur S-Bahn bin, da…

…ich muss hier kurz einen Einschub machen und für die Nachwelt erwähnen, dass wir zwischen zwei Stationen des öffentlichen Nahverkehrs wohnen, von denen die eine, die U-Bahn am Prinzregentenplatz, ausgesprochen gepflegt ist und den dort ankommenden Reisenden sofort nach Verlassen der Station einen angenehmen Altbauviertelanblick bietet, mit prächtigen Bürgerhäusern, alle nett restauriert, und gleich dabei der altehrwürdige Kulturpalast, das Prinzregententheater. Ach, denkt man sich da, in was für einer feinen Gegend der Gunnar offenbar wohnt. Dem muss es gar wohl ergehen. Natürlich achten wir drauf, dass Eltern, alte Freunde und sonstige Leute, die zu beeindrucken uns wichtig ist, sich unserer Wohnung aus dieser Richtung nähern.

Denn: Die andere Station, die S-Bahnhaltestelle Leuchtenbergring, liegt mitten im Kriegsgebiet, erinnert in Zustand und ästhetischem Anspruch an Neukölln, und man verlässt sie durch einen schmutzigen Tunnel. Wenn man den durchschritten hat, sieht man als erstes die Leuchtreklame des Media Marktes im, uh, Stahlgrubercenter, einem völkerrechtswidrig designten Betonklotz voller hässlicher Läden. Da denkt man natürlich, huch, hier wohnt Gunnar? Hier kann man wohnen? Sind die Care-Pakete nicht angekommen? Warum hat noch kein Ästhet eine Parkplatzbombe auf diesen Fleck geworfen? Nehme ich jedenfalls an, unsere Besucher gucken immer ein bisschen mitleidig und wirken bei unseren Beteuerungen, das sei eine Gegend im Aufschwung, es müsse nur erstmal die aktuelle Baumaßnahme beendet sein und so weiter, immer ein wenig abwesend. Nun ja. Ende des Einschubs.

Also, ich bin auf dem Weg zur S-Bahn, und da liegen am Straßenrand so Kiesel, wie man sie auf Baustellen hat. Dicke hellgraue Steine, die sicher einen speziellen Namen haben, von walnuß- bis apfelgroß, von flach über rund bis beinahe pyramidig. Die liegen da immer, nie schenke ich ihnen Beachtung, aber heute kramt eine dicke Frau mittleren Alters drin rum. Scharrt die Steine durcheinander, prüft sie vor ihrer Brille, legt einige Exemplare beiseite, alles in schmerzhaft gebeugter Haltung und mit der Akribie einer Goldsucherin. Ein paar Meter weiter liegt eine Plastiktüte von Rewe, darauf hat sie schon diverse Steine unterschiedlicher Größe gesammelt, möglicherweise die schönsten Stücke, obwohl sie für mich genauso aussehen wie die anderen, möglicherweise diejenigen mit dem höchsten Platinanteil, wer weiß das schon.

Das Mysterium fesselt mich so drei bis vier Sekunden, dann bin ich vorbei gegangen und vergesse die Frau wieder. Mir doch egal, was andere Leute so tun. Ich fahre in die Stadt und erledige da, was ich zu erledigen plante. Gute zwei Stunden später komme ich auf dem gleichen Weg zurück und… …die Frau steht immer noch bei den Steinen. Auf der Rewe-Tüte liegen ein paar zusätzlich ausgewählte Kiesel, meist größere, aber mehr auch nicht. Was hat die die ganze Zeit gemacht? Und warum? Und schwitzt die sich in ihrer dicken grünen Cordhose nicht zu Tode? Was will sie mit dem Zeug? Ist sie gar eine anerkannte Irre mit einem Steinfetisch? Eine Außerirdische, die Minerale für ihren havarierten Raumschiffantrieb benötigt?

Ach, die unlösbaren Rätsel des Alltags.

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