Hat Stalker das verdient?

by Gunnar on 5. Mai 2007 · 10 comments

Wenn man einen Roman zum PC-Spiel Stalker schreibt, könnte man den so beginnen:

Rund um den blau pulsierenden Monolithen versank das Gewölbe in tiefe
Dunkelheit. Nur in Richtung Stahltor fiel genügend Helligkeit, um einen
deutlich abgegrenzten Bereich zu erhellen. Innerhalb des Lichthofes knieten
sieben Gezeichnete auf dem kalten Boden. Völlig reglos saßen sie da, das Kreuz
durchgedrückt, die Hände auf den Oberschenkeln, ihr Gesäß auf den Fersen
ruhend.
Äußerlich waren sie kaum voneinander zu unterscheiden. Natürlich
variierten sie in Größe und Gewicht, doch sie trugen alle den gleichen
weißbraun gefleckten Tarnanzug mit Schulter-, Ellbogen- und Kniepolstern
sowie identische Modelle einer schweren Schutzweste. Mit ihren tief in die Stirn
gezogenen Kapuzen erinnerten sie ein wenig an betende Mönche, doch die unter
dem Saum hervorragenden Atemschutzfilter zerstörten diesen Eindruck sogleich
wieder.
Alle sieben hielten die Augen geschlossen. Einige blickten starr geradeaus,
anderen neigten den Kopf leicht zur Seite, als würden sie einer weit entfernten
Stimme lauschen. Sie wirkten wie in Trance, und als die angekündigte Botschaft
tatsächlich erklang, begannen sie, sich mit dem Oberkörper rhythmisch vor und
zurück zu wiegen.

Oder auch so:

Dunkelheit herrschte im Gewölbe, eine tiefe, undurchdringliche Nacht. Einzig das stumpfe blaue Strahlen des pulsierenden Monolithen drängte die Schwärze mühsam ein paar Meter zurück. Im schwachen Licht knieten sieben Gezeichnete wie Statuen. Ohne Regung, aufrecht mit durchgedrückten Rücken, wie im Gebet oder in Trance.
Sieben Gezeichnete in einem engen Kreis, alle identisch gekleidet. Sie sahen aus wie Mitglieder eines Ordens oder einer Armee: braunweiße Flecktarnung, schweres Kevlar, die Kapuzen der Jacken tief ins Gesicht gezogen, die Atemmasken fast verdeckend.
Alle sieben knieten mit geschlossenen Augen, aber ihre Gesichter verrieten keine Ruhe, keine Entspannung, keine entrückte Trance. Diese Männer warteten auf eine Botschaft, eine Stimme. Und als sie dann tatsächlich erklang, war nicht im Raum zu hören, nur in ihrem Innern. Es strafften sich ihre Körper, voller Spannung, als hätte eine unsichtbare Hand sie gefasst.

Version 1 wird so im 2. Roman zu Stalker vorkommen, Version 2 habe ich in zwei Minuten hingerotzt. Nicht der Weisheit letzter Schluss, klar, aber schneller, griffiger, weniger heftromanig. Okay, vielleicht bin ich ein bisschen arg kritisch mit dem, was anderen Leute so schreiben, vielleicht muss man bei der Gattung der Schnell abgefasste Romane nach PC-Spielen die Sätze so umständlich bauen. Aber ach, schön zu lesen ist das nicht, finde ich.

Nun, was soll’s, wer das PC-Spiel mochte und was dazu lesen mag, dem sei die inoffizielle Vorlage Picknick am Wegesrand empfohlen, die ist ohnehin weitaus besser als irgendwelche offiziellen Bücher zu Spielen.

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