Der Junge, der seinen Film kommentiert

by Gunnar on 16. Juni 2007 · 10 comments

Er mag etwa zwölf sein und ist fremd hier. Ein kleiner blonder Junge mit harmlos-offenem Gesicht, vielleicht vom Land, vielleicht von weiter her. Er steht ein paar Schritte entfernt am Bahnsteig, hält eine Karte von München, mit U-Bahn-Plan, in beiden Händen und spricht fortwährend vor sich hin: U6… also Endstation… Aussteigen in Fahrtrichtung rechts…erste Station nach Marienplatz…U6… Richtung Großhadern…die U6 kommt…gleich…einsteigen… Und so weiter. Er murmelt nicht, sondern formuliert klar und deutlich, wie mit einem imaginären Gesprächspartner.

Ich bin so irritiert, dass ich drei Mal auf sein Ohr starre. Sein Ohr? Das ist der alte Flugreisenden-Reflex – auf Flughäfen rennen ständig Geschäftsleute umher, die konzentriert und mit ernsthaftem Gesicht Selbstgespräche führen. Ein Blick aufs Ohr enthüllt dann das Bluetooth-Headset, offenbar telefoniert der Typ also und hat möglicherweise gar keine schizo-affektive Störung. Falls das Headset in Betrieb und nicht nur ein Fake ist. Es ist sicher in Vergessenheit geraten, aber: Früher gab es mal regulär in großen Supermärkten Autotelefon-Attrappen zu kaufen, damit man an der Ampel auf CEO machen konnte, obwohl man nur Hilfsbräteranwärter bei McD ist. Wurde dann von der Handy-Welle überholt, das Produkt.

Aber ich schweife ab. Der blonde Junge hatte kein Headset, obwohl mich das bei der Handy-Hörigkeit der heutigen Jugend nicht einmal sehr gewundert hätte. Er sprach einfach mit sich selber, dem Stadtplan und/oder seinem unsichtbaren Kumpel. Vielleicht ist er auch nur der Vorbote eines neuen Trends: Vielleicht empfinden wir in Zukunft, umgepolt durch den ständigen Medienkonsum, unsere kleinen Leben wie Folgen von TV-Shows und sprechen unwillkürlich den Off-Kommentar dazu. Vielleicht ist die Ödnis und Sinnferne des Modernen Lebenstm überhaupt besser zu ertragen, wenn man sich als Darsteller in einer Doku-Soap begreift, anstatt sich als Herr seines Schicksals zu sehen, in eigener Verantwortung und mit allem, was dazu gehört.

Der Junge steigt dann mit mir in die U6, immer noch redend. Ich bin so fasziniert, dass ich mich absichtlich in seine Nähe stelle, um ihm zuzuhören. Beim Sendlinger Tor macht er Anstalten auszusteigen, guckt angestrengt durch die Fenster und ruft dann, in Richtung Wagenboden, in nochmals gesteigerter Lautstärke und in genervt-beleidigtem Ton: NA KLASSE. UND WO FÄHRT JETZT DIE U2 AB? Eine dicke Dame, die auf 30 Meter Entfernung nach Lehrerin aussieht, lächelt mild und sagt, beiläufig, in keine bestimmte Richtung: Geradeaus, auf die andere Seite, dann links und runter.. Der Junge gibt nicht zu erkennen, dass er das gehört hat, folgt aber dem Ratschlag und verschwindet in Richtung U2. Erstaunlich. Offenbar hat es doch seinen Nutzen, wenn man vor sich hin brabbelt. Das ist vermutlich wie beim Open Source-Phänomen – wenn sozusagen der Gedankenfluss-Quellcode offenliegt, weil man einfach alles ausspricht, was einem durch den Kopf geht, dann haben andere Leute einen Einhak-Punkt und können etwas aus dem eigenen Erfahrungs- oder Wissenschatz beitragen. Und das ist ja wohl ein menschliches Grundbedürfnis.
Sonst gäb’s auch keine Blogger, nehme ich an.

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