Wenn mein Gehirn vibriert

by Gunnar on 4. Juni 2007 · 12 comments

Manchmal fühle ich mich so, wie sich Schriftsteller oder Kokser fühlen müssen: Ich schaue mich um und mein Hirn kategorisiert alles, was es sieht, obsessiv, mit Beschreibungen.

Neulich, in der Disco zum Beispiel. Da ist es ja normal, mit einem Bier lässig an eine Säule gelehnt zu stehen und mit vorgetäuschter Langeweile den tanzenden Damen auf den Hintern zu gaffen. Wollte ich auch tun, aber mein Hirn ließ mich nicht: Es suchte frenetisch nach Mustern, legte Prototypen-Listen an: Ich sah nicht mehr das hübsche blonde Mädchen, sondern nur ein Beispiel für diesen Prinzessinnen-Tanzstil, den viele Frauen haben: wenig Fußbewegung, viel Hüftarbeit, Arme schlangenartig über dem Kopf bewegen. Dazu der schwarzgekleidete Blasse, der aus den frühen 90ern noch den Marschierer-Stil drauf hat: Arme hinter dem Rücken verschränkt, Oberkörper nach vorne und dann rhythmisch auf und ab gehen. Und hinten links der Schlaks mit der Brille, der den Schüchterne-Jungs-Stil tanzt: Füße fest auf dem Boden, keine Schritte, nur im Oberkörper mitschwingen, dazu ein bisschen Armarbeit.

Dann die überschlanke Dame, mit gebräunten Armen, schon klar jenseits 30, etwas zu schick angezogen für diesen Schuppen, sie hat eine quasi identisch gestylte Freundin dabei, die sie antanzt. Beide trinken und tanzen und lachen viel, vielleicht in der Hoffnung, dass sie bei zuschauenden Männern eine gute Figur machen und heute nicht gemeinsam allein nach Hause gehen müssen. Damit sie aber nicht von den falschen Männern angequatscht werden, müssen sie auf gute Freundinnen, die viel Spaß haben machen, das sorgt für eine Art Sozialauswahl, weil sich dann nur Männer rantrauen, die auf der Suche nach gleichwertigen Partnerinnen mit intaktem Sozialleben sind und nicht nach einsamen Träumerinnen aus der Provinz jagen. Die gibt’s natürlich auch, weiter hinten, weiter am Rand der Tanzfläche. Im Dreier-Rudel, alle mit so Pullunder-artigem Zeug angetan, alle trinken irgendwas Rotes aus schlanken Gläser und tanzen ein bisschen vor sich hin, im abgeschlossenen Kreis, so dass man meint, sie könnten sich jeden Moment an den Händen fassen und Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt anstimmen.

Wobei mir auffällt, dass es auf Youtube kein einziges Video zu dem eben erwähnten Kirchenlied gibt, auch zu dem ähnlich populären Danke für diesen guten Morgen auch nur eine ziemlich obskure Fassung. Sind Christen weniger auf hippen WebZwoNull-Seiten unterwegs? Und wie komme ich überhaupt drauf, derlei Lieder auf Youtube zu suchen? Offenbar habe ich mich schon so an die Videoplattform to end all Videoplattformen gewöhnt, dass ich unwillkürlich annehme, dass es dort alles gibt, was theoretisch denkbar ist. Und noch ein paar Sachen mehr. Naja, ist ja eigentlich auch so. Haben die Leute eigentlich früher auch schon so viel Unsinn veranstaltet – oder macht man jetzt häufiger, weil es zu filmen und auf Youtube zu veröffentlichen eine relativ simple Art ist, einen winzigen Fetzen vom Mantel der Unsterblichkeit zu erhaschen?

In Sachen Unsterblichkeit bin ich, übrigens, auch noch nicht recht weiter gekommen – irgendwann werden alle Magazine mit meinem Namen drin verrottet sein, und mein Heimatdorf hat, obwohl ich vermutlich der einzige Chefredakteur bin, den es jemals hevorgebracht hat, noch keine Anstalten gemacht, eine Straße oder wenigstens eine Gasse nach mir zu benennen. Ich sollte vielleicht eine Parkbank stiften oder ein Grundstück auf dem Mond kaufen. Oder mir eine unbekannte tropische Krankheit zuziehen, die dann nach mir benannt wird, wenn ich daran zugrunde gegangen bin und halb Bayern mit einer Pandemie ausgelöscht habe. Morbus Lott oder so. Aber das ist ja nicht so hübsch, und am Ende nennen sie die Erkrankung dann doch nach dem Quacksalber, der sie als erster in einem Artikel in Tropical Medicine & International Health erwähnt hat. Und ich schaue in die Röhre und sterbe unbekannt.

An dieser Stelle des Textes wäre es angemessen, kurz zum Anfang zurückzugehen, aber Disco und Unsterblichkeit sind irgendwie Themen, die nur schwer zusammengehen. Mir aber egal, dann bricht die Geschichte hier eben auseinander, ich mag sie trotzdem, das ist wie mit eigenen Kindern, die liebt man ja auch umso mehr, wenn sie ein bisschen tollpatschig sind. Fühlt man sich eben mehr als Beschützer und weniger als Ausbildungsoffizier, was ja auch gut für’s eigene Gefühl ist. So. Und Schluss.

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