Eine Frage des Wertungssystems [REMIX]

by Gunnar on 12. September 2007 · 9 comments

Meinen, Stammlesern vielleicht bekannten, Text Eine Frage des Wertungsystems habe ich neulich mal öffentlich vorgelesen. Da war ich vertretungsweise für den geschätzten Kollegen Herrn S. auf dessen Stammbühne. Nettes Erlebnis, aber darum geht’s grad nicht. Jedenfalls kam mir beim Vorbereiten der hier veröffentlichte Text arg holprig und schlecht komponiert vor, daher habe ich ihn ziemlich überarbeitet. Und damit ihr, liebe Blogleser, nicht mit einer veralteten Version vorlieb nehmen müsst, füge ich hier die Remix-Fassung an. Viel Spaß.

Gestern, da sprach ich mit meinem Kollegen Bernd darüber, dass ich heute hier lesen würde. Und fragte, wie man eben so Komplimente-fischend fragt, was ich bloß erzählen solle. Bernd antwortete trocken: Na, erzähl doch, wie wir damals Crack kaufen wollten und auf dem Rückweg dann den Unfall gebaut haben.

Uh. Naja. So geht das nicht. Lieber anders:

Wie ich einmal Zigaretten holen war und auf dem Rückweg an Kalle denken musste.

Ein Problem ist es, wenn man Zigaretten holen will, aber kein Kleingeld im Haus hat, sondern nur die Kreditkarte. Wo aber bekommt man ein Päckchen Zigaretten per Kreditkarte? An der Tankstelle, die 760 Meter weit von zuhause entfernt ist, was zu viel für einen Fußmarsch ist, jedenfalls wenn man raucht. Also nehme ich das Auto und belaste mein CO2-Gewissen mit einer weiteren Sünde. Also zur Tanke, Kippen gekauft, aus Verlegenheit noch getankt und ein Glas Würstchen eingepackt, damit die hässliche Tankfrau nicht denkt, ich sei ein haltloser Süchtling. Rückweg, und zack! Stau.

Wenn man im Stau steht oder eigentlich nicht im Stau, sondern in dem Schritttempo-Ringelpiez aus Autos, den der Mittlere Ring am frühen Abend bildet, dann hat man erstaunlich viel Zeit für dumme Gedanken.
Ich schaue dabei gerne in den Wagen nebenan und versuche mich im Bilden von 5-Sekunden-Vorurteilen, seit jeher eines meiner liebsten Hobbys.

Blick 1 (Sondierung): hübsche blonde junge Dame mit lässiger Schlägermütze.

Blick 2 (Vertiefung): Hey, die trinkt Red Bull aus der Dose.

Blick 3 (ganzheitlich): Das ist doch ein Cooper S, den die fährt. Insgesamt also ein stimmiges Bild, vielleicht einen Tick zu sehr Klischee, aber mit einem österreichischen Nummernschild darf man das.

Und auf der Skala für pseudo-urbanes Hipstertum sieht es nicht übel aus: blond & Mütze (+2), Red Bull (+1), Mini (+2) in der Cooper S-Version (+3), weiblich (+2), unterwegs in München-Ost (-1), alles in allem sind das solide 9 Punkte.

Überhaupt, wo wir gerade dabei sind, man gibt Menschen und Dingen viel zu selten Noten, dabei erleichtert das so das drüber reden, vor allem (oder eigentlich ausschließlich) unter Männern. Wenn man mit Hey, die Lady da hinten hat aber einen gefälligen Körperbau ins Gespräch einsteigt, ist das nicht halb so griffig wie Die da? Ich würde mal sagen, das sind 6/8/8 auf der GBA-Skala. GBA steht dabei für, ach, wofür schon, allzu Offensichtliches soll man gar nicht erst hinschreiben. Das gibt bloß böses Blut bei mithörenden Frauen. Frauen sind ja eher so ganzheitlich orientiert, die stehen nicht auf derlei Zuspitzungen, hört man.

Also gehen wir zu einem weniger verfänglichen, weil männlichen, Benotungsbeispiel über: zu Kalle. Kalle trägt Glatze, Russenschnauzer, schwarze Lederjacke, T-Shirt mit dem Aufdruck Sick of it all, dazu breite Schultern, große Hände, laute Stimme – ihr versteht.
Mit Kalle war ich neulich beruflich in Boston, ein Kollege tat zufällig eine Szenekneipe um die Ecke auf, wir tranken ein paar Bier.
Am nächsten Tag gingen wir getrennter Wege, trafen uns aber am späten Abend zufällig in besagter Kneipe wieder.

Jetzt zur Sache — Kalle, bewertet nach den knallharten Maßstäben der Punk Credibility: Er war betrunken (+3), kannte plötzlich jeden im Laden (+2) inklusive des Barkeepers (+3), trug das weiter oben beschriebene Outfit (+3) und den dazu passenden Körperbau (+2). Dann erwähnte er noch was von einem Kumpel, der Roadie (+1) bei den Drop Kick Murphy’s sei (+3) und uns heute noch auf ein Punkkonzert mitnehmen würde (+3). Ich fragte nach dem Namen der Band, die Antwort: Green Gang. Ich wieder: Gang Green? DIE Gang Green? Er: blinzelte Unverständnis.
Und da hatte ich ihn, Punk-Kalle, Alk-Kalle, Pogo-Kalle — DEM Kalle, dem Fixstern der Nord-Bogenhausener Punkszene, dem waren GANG GREEN unbekannt, die GANG GREEN, die uh, ah, nahezu unvergessenen Saufrock-Ikonen der 80er. Tschüss Kalle, das war’s mit deiner Unsterblichkeit.

Aber genug vom Punk, der Stau löst sich, die Cooper-Dame ist fort, ich lenke meinen 1er BMW (Firmenwagen, -2) am Stahlgrubercenter (-1) vorbei in die Tiefgarage meiner Eigentumswohnung (-3). Steige aus, grüße die kratzige Nachbarin (-1), nehme aus Faulheit rasch den Aufzug statt der Treppe (-1) und setze mich, kaum in der Wohnung angelangt, an meinen Vista-PC (-1), zünde eine Zigarette an (-2) und, nun ja,schreibe was für mein Blog (-5).

Ach. -13. Hoffnungslos.

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