Eine Geschichte über Herrn Tamm

by Gunnar on 19. September 2007 · 16 comments

Ich sehe ihn sitzen, an einem dieser spillerigen Holztische, wie man sie im Frühling in Gärten von Lokalen aufstellt. Vor ihm liegt ein Handy, ein schwarzes Sony Ericsson, das er aber nicht beachtet. Er schaut sich um, ungezielt, ohne Fokus, er langweilt sich. Er wartet auf jemanden, schaut aber nicht auf die Uhr. Er wird wissen, dass er zu früh ist. Eine überirdisch schlanke Kellnerin, ganz in schwarz, mit hochgesteckten blonden Haaren, materialisiert sich von irgendwoher. Sie sagt nichts, lächelt nur auffordernd, mit ihrem Block in der Hand, das scheint ihre Masche zu sein mit männlichen Kunden. Er schaut ihr auf die fast nicht erkennbare Rundung der Brust unter dem T-Shirt und ordert Alkohol. Das Geschöpf nickt und entschwebt.

Eine Minute verstreicht. Er sieht sich um, am Nebentisch flüstern zwei junge Frauen miteinander. Er legt den Kopf schief, um sie zu belauschen, aber es gelingt nicht. Offenbar sprechen sie mit Absicht leise, möglicherweise geht es um Wichtiges, vielleicht um die Liebe. Die Jüngere der beiden, sie mag Mitte 20 sein, schaut traurig, die andere, ältere, wirkt ernst und anteilnehmend, neigt ihren Kopf, streckt die Hand aus. Liebeskummer, denke ich. Sie flüstern weiter. Einmal entsteht eine Pause im Gespräch, und die Jüngere schaut verloren geradeaus, ins Leere und lächelt traurig. Er, ich nenne ihn mal Tamm, ich wollte schon immer mal eine Figur in einer Geschichte Tamm nennen, er also schaut sie an, ungeniert und frontal und macht ein Gesicht, als habe ihm das Lächeln ein Loch in die Herzwand geschlagen.

Die Kellnerin kommt mit dem Bier, aber es ist diesmal nicht die Elfe. Es ist eines dieser bedauernswerten dicken Mädchen, die in der Schule immer ungerecht behandelt worden sind, weil Lehrer und Schüler und Schülerinnen gleichermaßen dazu neigen, sich für unsportliche Mädchen mit schlechter Haut nicht zu interessieren. Einzig auf die Solidarität einiger matronenhafter Lehrerinnen konnten sie zählen, aber auch das nicht immer, weil sich auch hässliche Lehrerinnen lieber mit hübschen Schülern umgeben. Tamm jedenfalls ist aus seinem Traum weiblicher Schönheit geworfen, reißt sich vom Liebeskummer am Nachbartisch los und widmet sich dem Alkohol.

Die Frauen stehen auf und gehen, abrupt. Die Traurige voran, die Freundin wirft achtlos ungezähltes Geld auf den Tisch und folgt. Tamm schaut ihnen nach. Ich bin sicher, eine Sekunde lang hat er die unglückliche Frau geliebt. Unglück zieht ihn an, er ist ein Tröster, ein Beruhiger, ein Fels in der Brandung, an dem sich Menschen aufrichten können. Wenn Tamm will, kann er bezaubernd sein. Meist will er nicht. Und auch die Frau wird er in wenigen Minuten vergessen haben.

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