Love will tear us apart (noch eine Geschichte mit Herrn Tamm)

by Gunnar on 23. September 2007 · 12 comments

Herr Tamm nimmt die Bahn. Das ist viel gefährlicher als Auto fahren, weil man nichts tun muss außer sitzen und deshalb Zeit zum Denken hat. Wer sich da nicht konsequent betäubt, mit Musik, Literatur oder Alkohol, der ist sich ausgeliefert. Tamm hat eine Abneigung gegen das Betäuben, versucht es aber probehalber mit Musik. Das geht eine halbe Stunde lang gut, dann springt der Shuffle auf ein altes Lied, ein trauriges Lied. Und Tamm denkt an Irina. Irina ist fort, zwei Jahre schon. Aber er trägt ihre Bilder im Kopf, einen unerschöpflichen Fundus — Geschichten, Situationen, Szenen. Er denkt täglich, manchmal stündlich an sie, und noch immer fallen ihm neue Bilder ein. Bilder von ihr, an die er in den zwei vergangenen Jahren nicht gedacht hat. Das letzte, aufgetaucht aus dem Nichts, ohne Verbindung anderen Gedanken, trifft ihn jetzt: Ihr Blick über die Schulter, im Rennen zum Bus, der schon die Türen schließt. Sie schaut zurück, ob er nachkommt und lacht auf ihre “Wir schaffen das”-Art. Dunkle Haarsträhnen wirbeln ihr durchs Gesicht, ihre Wangen sind vom Laufen leicht gerötet. Dieses Bild hält er fest und zieht Zeitlinien ein. Kurz danach: Ihr Kopf lehnt schwer an seiner Schulter, sie sitzen hinten im Bus, sie hat ihre Hand auf seinem linken Bein. Kurz davor: ihre kraus gezogene Stirn, als sie ihre Tasche die Treppe zum Busbahnhof hinauf wuchtet, seine ausgestreckte Hand ignorierend.

Tamm schilt sich einen nachlässigen Narren, weil er das Lied auf der Festplatte gelassen hat, anstatt es zu löschen, dieses gefährliche Lied, dieses tödliche Lied. Musik sollte nicht genossen, sondern verwendet werden, benutzt wie ein Werkzeug, denkt er. Um Stimmungen zu unterstützen, Bewegung im Takt zu halten, Revolutionen anzuheizen. Keinesfalls dürfen Lieder einfach gehört werden. Traurige Lieder, sentimentale Lieder sind Zielscheiben für Gedanken über die Liebe. Ach, die Liebe. Oft denken wir an sie, in all ihren Verkleidungen, all ihren missgestalteten Formen. Selten reicht einer unserer Gedanken über das alltägliche Begehren, das banale Aushandeln, das tausendmal Erlebte hinaus. Wenn doch, wenn er einmal die Zielscheibe trifft, anstatt harmlos von der Wand abzuprallen, dann bleibt er stecken und bildet mit dem Lied eine neue Form. Wie ein seltenes Kleinod oder auch wie eine misslungene Skulptur, wir lieben beides, das Perfekte und das Fehlerhafte. Und doch ist beides eine Gefahr für alle jene, die wenigstens noch versuchen, die Kontrolle über das eigene Ich aufrechtzuerhalten.

Tamm bricht den Song ab, springt auf etwas Schnelleres, Trivialeres. Und Irina verblasst nach einer Weile wieder. Eine schmerzfreie Stunde vergeht. Irgendwann erreicht Herr Tamm sein Ziel, am Bahnsteig wird er erwartet.

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