Oktober 2007

Autogrammjäger aufgepasst!

by Gunnar on 29. Oktober 2007 · 6 comments

Wenn man, als Journalist, eine Mail mit dem Betreff Großes VIP-Event in Köln von einem unbekannten Absender bekommt, dann sieht man vielleicht großzügig über das kleine Verbrechen an der deutschen Sprache hinweg und klickt mal drauf. Könnte ja eine Einladung sein. Aber es ist keine Einladung. Es ist eine Pressemeldung der SOLARIENBRANCHE. Uh. Offenbar ein Industriezweig, der zwar genügend Geld hat, weil heutzutage jeder Prolet lieber seinen Schäferhund verhungern lässt, als blasshäutig zum Lidl zu gehen, dem es aber gleichzeitig ein bisschen an Glamour fehlt. Was macht man da? Man KAUFT sich Glamour. Oder versucht es wenigstens. Ich zitiere im Original, weil’s so hübsch ist:

Autogrammjäger aufgepasst! Die Solarienbranche verleiht ihren Oscar und erwartet viele prominente Gesichter.

Oscar, ach ja. Man könnte sich ja auch einen eigenen Namen ausdenken. Aber so ist es natürlich sicherer. Und weil man so hilflos ist, macht man einen Namenswettbewerb.

Am Freitag, 2. November, dem zweiten Abend der SOLARIA Messe in Köln, wird beim internationalen Gipfeltreffen der Solarienbranche der European Tanning Award verliehen.

Das klingt natürlich ganz schlimm. Tanning Award? Interessant ist übrigens, mal nachzulesen, wie man sich dafür bewirbt — mit einem Fragebogen, ein paar Fotos, einer Preisliste und einer Broschüre. Wenn ich mal dringend einen Preis brauche, erfinde ich ein Studio und mache mit.

Die Award Night 2007 findet in den Kölner Rheinterrassen statt. 31 Nominierte aus ganz Europa, unter denen dann der begehrte europäische Award vergeben wird, werden ausgezeichnet.

Ach: Unter den Nominierten wird der Preis dann vergeben? Da wäre ich nicht drauf gekommen.

2000 geladene Gäste aus aller Welt werden bereits am roten Teppich Top-Glamour erleben. Dafür sorgen neben Bruce Darnell – „the sexiest man alive on high heels“ und Andrea Kempter, die die Veranstaltung moderiert, auch diverse andere Promis, die sich zur Verleihung angekündigt haben. U.a. werden folgende prominente Gäste erwartet: Kai Ebel und Lebensgefährtin Mila Wiegand, Giulia Siegel, Helmut Zerlett, Sängerin Elli, Isabell Varell, Sonja Rohde – die Frau, die als erste Deutsche ins Weltall fliegen wird, Brigitta Weizenegger – bekannt aus der Lindenstraße, Michaela Schaffrath sowie diverse Darsteller aus den Serien “Verbotene Liebe”, “Alles was zählt” und “Unter uns”.

Mal abgesehen vom Deutsch: Wenn diese Promis Glamour (oder gar “Top-Glamour”) erzeugen, dann will ich Hugo Egon Balder heißen. Laufen für Helmut Zerlett und Isabell Varell heutzutage schon Autogrammjäger auf? Zwei der eingekauften Nasen muss die Pressemeldung sogar noch erklären, weil sie den Adressaten zu Recht nicht zutraut, zu wissen, wer das ist. Schlimm.

Andererseits: Michaela Schaffrath (Kennern der, uh, Filmszene besser bekannt als Gina Wild) ist natürlich schon ein Gesicht, das gut zur Branche passt.

Vor der Effizienz kommt die Prominenz

by Gunnar on 28. Oktober 2007 · 8 comments

Bei uns zuhause läuft häufig der Fernseher. Was ein bisschen erstaunlich ist, weil ich nie TV gucke. Wohl aber schaue ich Serien auf DVD und spiele mit der Xbox 360 oder dem Wii. Wenn ich das nicht tue, schiebt die Liebe meines Lebens gerne ein paar Kochsendungen oder Krimiserien dazwischen. Naja, lange Vorrede, kurzer Sinn, jedenfalls lief neulich die Promi-Fassung von Das perfekte Dinner, was keine tolle, aber immerhin eine ganz gut geschriebene Sendung ist. Man ist ja im heutigen TV schon zufrieden, wenn man’s ohne allzu große ästethische Schmerzen anschau’n kann. Aber ich schweife ab, in besagter Sendung sah ich mit Erstaunen die Promis und erkannte — keinen. Nicht mit Namen, aber auch nicht vom Gesicht. Ist es nicht aber irgendwie die anerkannte Voraussetzung für den Promistatus, dass ich sie auf der Straße oder im Supermarkt erkenne? Gut, ich seh nicht oft fern, dafür lese ich Zeitung und mass-en-haft Magazine, auch solche, die sehr bunt sind. Bin ich dem wahren Leben dieser Republik schon allzu weit entrückt? Ist der Tag nahe, an dem ich mit Leuten unter 30 keine Gesprächsthemen mehr finde? Oder nehmen die Sender in Zeiten des Promi-Mangels einfach jeden, der einen halbwegs Promi-tauglichen Beruf hat, also Schauspieler, Sänger, Moderator etc., in der Hoffnung, das dann ja noch erklären zu können: Wir sind heute zu Gast bei Torben Tolle, Radiomoderator bei Dauer-Welle Buxtehude 96,5? Ach, das Fernsehen. Schlimm.

Stadtflucht

by Gunnar on 24. Oktober 2007 · 4 comments

Ach, die Großstadt. Sie flirrt um uns herum und schreit durch uns durch. Sie beschleunigt uns, macht uns flüchtig, hastig, unruhig. Und sie bereichert uns mit all ihren Farben, ihren Meinungen, ihren Irritationen. Nur wenn wir sie in handliche Teile zerlegen, können wir sie überhaupt näherungsweise begreifen. Meist schaffen wir das nicht, meist brechen wir unsere Lieblingsstücke aus dem Bild der Stadt und bauen daraus ein größenreduziertes, windschiefes, subjektives Abbild, die Erzählung einer Erzählung einer Erzählung.

Ach, die Großstadt. Die kann mir übrigens für ein paar Tage gestohlen bleiben. Die Liebe meines Lebens und ich, wir fahren in die Berge. Gottseidank ohne Computer. Weitere Wortmeldungen auf dieser Plattform: nicht vor Mitte nächster Woche.

Spiele schädigen das Hirn

by Gunnar on 21. Oktober 2007 · 19 comments

Wie subtil die Beschäftigung mit den Spielen mein Hirn zerstört: Ich tippe meine E-Mail-Adresse (endet auf gmx.com) in eine Mail und sofort poppt die X-Com aus UFO: Enemy Unknown in meinem Kopf auf. Ich stehe auf einem Flugplatz, schaue schräg von unten gegen ein Wellblech-Hangardach und denke, huh, das Antialiasing funktioniert nicht. Ich fahre auf der Landstraße am Abend, schaue zur Seite über die Felder, und mir fällt auf, wie echt der Sonnenuntergang aussieht. Mal abgesehen von all den Lüftungsschächten, die mir in Hotels und Firmengebäude ins Auge springen, weil mich Spiele wie Deus Ex darauf abgerichtet haben, nach derlei Dingen Ausschau zu halten. Ach, die Spiele.

Die Lebensphasenregel

by Gunnar on 16. Oktober 2007 · 20 comments

Egal, wie grau die eigenen Haare sind, wie umfassend die eigene Lebenserfahrung — wenn man in einer Runde von Leuten der einzige ohne Kinder ist, dann ist man automatisch der Jüngste.

Bedenkenträger

by Gunnar on 14. Oktober 2007 · 9 comments

Von der Leyen verteidigte ihren Gesetzentwurf, Jugendliche als Testkäufer von Branntwein, Zigaretten und Gewaltvideos einzusetzen.[…] Scharfe Kritik an dem Vorhaben kam vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. “Das grenzt an Kindesmissbrauch”, sagte er.

Mal abgesehen davon, dass Herr Lauterbach sich hier unziemlich im Ton vergreift, und mal abgesehen davon, ob der Plan von Frau von der Leyen brauchbar ist oder nicht — der Vorschlag ist eigentlich nicht neu. Wo war eigentlich der Aufschrei der Bedenkenträger, als Herr Schulz vom Hans-Bredow-Institut Ende Juni (mit quasi regierungsamtlicher Billigung) schon mal angeregt hatte, die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes bei Computerspielen mit jugendlichen Testkäufern zu überprüfen? Nun? Nichts war. Bei Spielen ist das schon okay, offenbar. Geht da ja auch nicht um die Einnahmen aus der Branntweinsteuer oder sowas.

Ach, die scheußliche Reflexhaftigkeit von politischen Debatten.

Und überhaupt, wo war die gerechte Empörung der Politik, als im August die Verbraucherzentrale NRW den 14jährigen Kai zu Testkäufen von USK-16/18-Titeln durch die Läden schickte, um Munition für die Debatte um die so genannten “Killerspiele” zu sammeln? Wer da keine betroffenen Interviews gegeben und den Missbrauch des armen kleinen Kai durch die skrupellosen Verbraucherschützer gegeißelt hat, der möge jetzt bitte schweigen.

Clown gefrühstückt in Berlin

by Gunnar on 11. Oktober 2007 · 18 comments

Der Hauptunterschied zwischen München-Haidhausen und Berlin-Kreuzberg: In Berlin ist man offenbar bei Geschäftseröffnung verpflichtet, beim Namen der eigenen Firma einen Wortwitz zu machen. Alles voller kleiner Läden, alle mit absurden Namen: Der Hardcore-Plattenshop heißt “Core-Tex”, der Weinladen schlicht “Suff”, die Cocktailbar “Molotow”, das Fahrradgeschäft “Zentralrad”, und Klamotten gibt’s bei “Stoffwechsel”.

Seufz.

Ähnliches Problem, anderer Stadtteil: In Treptow (wie auch in anderen Städten) gibt es ein Seniorenwohnheim, das “Casa Reha” heißt. Klingt irgendwie wie ein chilenisches Strafcamp, in zwar dem Folter erlaubt ist, die Regierung aber trotzdem lange nach einem beschönigenden Namen gesucht hat.

Nerd-Projekte, die Xte

by Gunnar on 8. Oktober 2007 · 18 comments

gamestar kalender

Jaja, ich weiß, ich betone immer, dies sei ein privates Blog und meine Arbeit sei hier kein Thema und so. Stimmt ja auch im Großen und Ganzen. Dennoch hier eine schnelle Ausnahme, es folgt kurz mal Werbung in eigener Sache: Der alljährliche GameStar-Kalender mit Spiele-Motiven ist erschienen (und ist, wenn ich das sagen darf, wieder sehr hübsch geworden). Kostet 16,90 (inkl. Versand), das ist nicht billig, okay, aber das Ding ist auch groß und hochwertig produziert.

Das Teil gibt’s bei GameStar direkt oder auch bei Amazon. Wer interessiert ist, aber nicht die Katze im Sack kaufen mag, kann sich eine Auswahl der Kalenderblätter vorab genauer anschauen.

Die Kollegen von GamePro haben übrigens auch einen.

Sonntags in München

by Gunnar on 7. Oktober 2007 · 3 comments

Ach, es ist Sonntag. Und tatsächlich scheint die Sonne, wie sich das gehört, schließlich heißt der Tag ja nicht Wolkstag oder Nieseltag oder so. Und außerdem sind wir in München, wo es bekanntlich nie regnet, außer vielleicht an ungeraden Dienstagen zwischen vier und fünf Uhr morgens. Und zur Wiesn-Zeit schon gar nicht, da ist Sonne befohlen, damit die Umsätze auch schön weiter klettern. Aber was schert mich die Wiesn, ich war heuer zwei Mal beruflich da, habe somit mein Soll an Schädelweh erfüllt, und heute ist frei. Eigentlich. Eigentlich müsste ich trotzdem ein bisschen arbeiten, was der Grund ist, warum ich gerade jetzt mit dem Laptop am Küchentisch sitze und das eingangs erwähnte schöne Wetter überhaupt bemerke — das Küchenfenster zeigt nach Westen und fängt eine Menge Licht ein. Draußen im Innenhof lärmen die Nachbarskinder, auf der Bank neben mir schnurrt die Zorro-Katze, aus den Boxen der Stereoanlage schnurrt Annett Louisan und ich, ich surfe nur so rum, anstatt planvoll Aufgaben abzuarbeiten. Klicke die Blogs in meinen Linklisten durch, aber so richtig viel schreiben die Leute alle auch gerade nicht. Wobei ich, wenn ich mir mal die Mühe machen würde, alle entsprechenden RSS-Feeds zu abonnieren, mir gar nicht mehr die Mühe machen müsste, alle Blogs einzeln anzusurfen, was mir aber durchaus weniger Spaß machen würde und von so einer kühlen Effizienz wäre, die gar nicht zum Bloggen passt, und außerdem sollen die ja auch alle an den Klicks in den Referrern sehen, dass dieser spezielle Besucher über kaliban.de kam. Auch wenn’s nur ich selber war. Naja.

Ich habe übrigens eine frisch gefasste Zuneigung zu den Werken von Annett Louisan neuerdings, was irgendwie damit zu tun haben muss, dass ich kürzlich mal genauer hingehört habe und konstatieren musste, dass die Texte wirklich allerliebst sind. Gefällig formuliert, ein bisschen bissig, das passt alles. Die Musik reißt mich nicht vom Hocker, plätschert aber so fahrstuhlig dahin und tut nicht weh. Wobei ich eigentlich der Meinung bin, dass Musik prinzipiell erstmal weh tun muss, aber ich will jetzt hier nicht alte Dogmen runterreiten, ich habe offenbar noch von früher alte Meinungen im Repertoire, die ich mal wieder in einer Diskussion überprüfen müsste, vielleicht gelten sie ja gar nicht mehr. Schwer zu machen, heutzutage — engagierte Diskussionen über Grundsatzfragen wie Religion, Todesstrafe oder Staatsform sind seit dem Studium eher selten geworden und zuhause über große Themen nachdenken, das macht man ja auch nicht, wenn man nicht gerade beim Think Tank von, sagen wir, General Electric oder Google arbeitet und für’s Schlausein bezahlt wird, nicht für Resutate.

Ach, das wiegt schon alles viel zu schwer, ich gehe lieber noch rasch Kuchen holen, schließlich ist Sonntag, Sonntag soll ein leichter Tag sein. Und der Herr will doch gar nicht, dass wir an seinem Lieblingstag zu viel nachdenken. Obwohl ich wette, dass der Herr am Siebten Tage ganz schön nachgedacht hat, über die anstrengenden ersten sechs Tage beispielsweise, die Fehler, die er dabei in der Eile möglicherweise gemacht hat und was die Menschen mit der Schöpfung am Ende anfangen werden. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht hat er nur selbstgefällig auf einer Balkenspiralgalaxie herumgelegen und sich gefreut, dass er in den einzigen sechs Tagen Arbeit seines Lebens so viel erreicht hat.

Ich kaufe nur rote Wurst

by Gunnar on 6. Oktober 2007 · 10 comments

Nunja, dass der ganze Merchandise-Wahn seit Jahren seltsame Blüten treibt, das weiß jeder. Nach dem Vorbild Hollywoods und der Auslandskonkurrenz machen die Bundesligavereine, verzweifelt auf jeden Euro angewiesen, um ihren Stars neue Rolexen oder Spielekonsolen kaufen zu können, seit einiger Zeit jeden Quatsch mit. Vom VfB Stuttgart gibt’s Fahrräder, von Schalke Duschgel, Bayern-Fans können sich ein handbemaltes Makaay-(Auslauf-)Modell in die Küche stellen, BVB’ler zeigen ihre Treue mit einem Dogtag, und HSV-Fans richten ihre Grillpartys mit HSV-Papptellern, Pappbechern, Pappservietten aus. Party, Sport, urbane Coolness — ach, die glamorösen Top-Clubs. Hannover 96 hingegen, von seiner Natur her ein eher bodenständiger Verein mit einer, nun, bodenständigen Fankultur, setzt auf klar bodenständigere Merchendise-Artikel:

Direkt rührend in seiner provinziellen Spießigkeit. Ist natürlich echte Qualitätsware von der Hannoveraner Landschlachterei Gramann. Wenn schon, denn schon.

Im Feindesland

Oktober 4, 2007

Ach, man weiß ja wie Männer sind — modisch hilflos. Ich bin natürlich ganz anders: Im Gegensatz zu vielen Geschlechtsgenossen gehe ich, wenn ich neue Klamotten brauche, gerne allein in die einschlägigen Geschäfte. Ich halte, schon aus Gründen der Bewahrung der männlichen Restwürde und Autonomität, wenig davon, Frauen bei der Auswahl von Männersachen mitreden zu […]

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Junggesellenkameradschaft

Oktober 3, 2007

Schneller Linktipp für gelangweilte Surfer: die Schweizergarde hat eine Webseite, auf der sie sich ernsthaft und ausführlich vorstellt, auch bei absurderen Details wie der Begründung der Regel, dass nur männliche Rekruten aufgenommen werden: Die Gardisten leben zu zweit und zu dritt in einfachen Kasernenzimmern. Zu Beginn der Dienstzeit sind die Gardisten in Schlafsälen untergebracht. Die […]

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