Im Feindesland

4. Oktober 2007

in Best of Kaliban,Menschen und Frauen

Im Feindesland

Ach, man weiß ja wie Männer sind — modisch hilflos. Ich bin natürlich ganz anders: Im Gegensatz zu vielen Geschlechtsgenossen gehe ich, wenn ich neue Klamotten brauche, gerne allein in die einschlägigen Geschäfte. Ich halte, schon aus Gründen der Bewahrung der männlichen Restwürde und Autonomität, wenig davon, Frauen bei der Auswahl von Männersachen mitreden zu lassen, das wäre ja noch schöner, nächstens wollen sie auch noch über Auto oder Fernseher oder Stereoanlage abstimmen, und dann sitzt man mit einem Renault Twingo oder einem Satz Boxen von Bose da. Böse.

Was aber eigentlich gar nicht Thema dieses Textes ist, ich schweife nur wieder ab, wie immer, wenn ich über mich rede. Blogorrhö sozusagen. Thema ist vielmehr, dass Frauen, in diesem Fall meine Gattin, offenbar ganz gerne Männer beim Einkaufen dabei haben – als Partner fürs Geschmacks-Sparring, als Kleiderholer, als Taschenträger. Folglich verfüge ich über einen reichhaltigen Erfahrungsschatz als Co-Einkäufer und verdichte das hier mal eben in ein Einzelerlebnis:

Also, da sich in Kaufhäusern und derlei von Zeit sowie technologischer Entwicklung überholten Institutionen die Abteilungen für Männer und Frauen oft auf unterschiedlichen Stockwerken befinden (wobei den Männern, sagen wir, der Keller und den Frauen die Etagen 1 bis 5 gewidmet sind), zerfällt das abgrasbare Gebiet in die Kategorien Kann man mal hingucken, wenn man nix mehr anzuziehen hat und vermintes Feindesland. Besonders nahe den Damen-Anprobierkabinen wird man ja auch heutzutage als Mann noch nicht so richtig angenommen. Ich verwünsche also die Tatsache, dass der Tarnanzug aus Halo 3 in meinem Alltag noch nicht verfügbar ist und stehe ein bisschen rum, ostentativ linkisch, um zu signalisieren, dass es nicht meine Entscheidung ist, hier zu sein. Ich warte schließlich nur, bis die Liebe meines Lebens etwas vorführen, etwas enger Ausfallendes ordern oder etwas ganz anderes will. Bin bis zur Zuteilung einer Aufgabe (Guck mal, steht mir das?) quasi offiziell nichtexistent und in diesem Bereich ein vollkommener Fremdkörper. Damenschweiß, Gesprächsfetzen, Reißverschlussgeräusche und der gemischte Duft von fünf, sechs, acht Sorten Parfüm waschen über mich hinweg. Ich erkenne grundsätzlich nur L’eau d’Issey und das riecht man bekanntlich kaum, also erkenne ich gar keine Parfüms, daher kann ich jetzt auch nicht aufzählen, was die Frauen in München derzeit so auflegen, womit dieser Text auch als Zeitdokument quasi unbrauchbar ist und in hundert Jahren nur dann in Schulbüchern steht, wenn sich an dem Einkaufsverhalten von Männern und Frauen nichts Wesentliches mehr ändert oder ich überraschend doch noch zum Weltdiktator ernannt worden bin.

Zurück zum Thema: Da die Vorhänge von Umkleidekabinen nur mit drei Jahren Fachausbildung im Dekorateurswesen blickdicht zu schließen sind, kann ich nirgendwo hinschauen, ohne senkrechte Streifen von Bäuchen, Beinen, Brüsten aufgedrängt zu bekommen. Was also tun beim Warten, will ja nicht als Gaffer gelyncht werden, ich schaue also angezogene Frauen an, will sagen solche, die aus der Kabine stolzieren und ihren zahlenden Müttern oder zahlenden Männern vorzeigen, was sie zu kaufen lassen gedenken. Und das absurde Mädchenduo ein Stück den Gang runter, das im Dutzend Dirndl anprobiert und sich dabei so lange gnichelnd gegenseitig mit der Handykamera fotografiert, bis die Aufsicht kommt und die Girls des Platzes verweist.

Um nicht laut mit Kommentaren zu Faltenwurf am Po und der Kombinierbarkeit von Blautönen herauszuplatzen, versetze ich mich in einen Zen-artigen Zustand, der, lange eingeübt vor den Umkleidekabinen dieser Welt, bei Scientology sicher sofort den Status Clear wert wäre, wenn ich noch 50.000 Dollar drauflegen würde. Das ist schwer zu erreichen, denn die Sünden der Damen wiegen schwer, die Kommentare drängen sich an meiner Zungenspitze, aber als es gerade kaum mehr auszuhalten ist, hat die Liebe meines Lebens eine Jeans gefunden, die zumindest in die Top Ten des Nachmittags kommt. Und meine Meinung, in mild abgestuften Dosierungen natürlich, ist gefragt. Kurzer Dialog, Schwanken zwischen sage-ich-toll-damit-wir-wegkönnen oder bin-ich-nett-und-räume-ein-dass-sie-am-Hintern-straffer-sitzen-könnte, Wahl von Option 2, neuer Schwung Hosen, neue Runde Warten. Ach. Am Ende nimmt sie dann doch die, die ich als erste für sie ausgesucht habe. War ja auch die Teuerste.

{ 11 comments… read them below or add one }

1 Ulv 4. Oktober 2007 um 21:19

Ich liebe Posts, bei deren Lesung ich ununterbrochen lächeln muss.

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2 Andi 4. Oktober 2007 um 22:10

Geht mir genauso. Wegen Einträgen wie diesem gehört Herrn Kalibans Blog zu meinen Top 5 und ist tägliche Lektüre.

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3 wolf 4. Oktober 2007 um 23:52

@Ulv + Andi: Ihr scheint in keiner festen Partnerschaft zu leben. Der Vorgang ist genauso wie beschrieben. Ich fürchte, euch wird das Lächeln noch vergehen. Dann heißt es, gute Mine zum bösen Spiel zu machen. Wie viel Lebenszeit könnte genutzt werden, wenn Frauen darauf vertrauen würden, dass der erste Griff der Männer in die Kleiderstange durchaus von Geschmack zeugt.

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4 gloomy 5. Oktober 2007 um 00:56

Goldminen sind gute Minen, wie wär’s damit?
Aber @Gunnar: Was zum Geier hast du gegen Bose-Boxen?

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5 Christian 5. Oktober 2007 um 11:21

Bose-Boxen sind sündteurer, aber unnützer Chichi und damit ungefähr in der gleichen Liga einzuordnen wie diese riesigen Goldreifen, die manche Frauen sich gerne an die Ohren hängen.

Frage mich bloß gerade, warum Gunnar auf einmal anfängt, laute alte Texte zu überarbeiten. Dachte immer, der Sinn des Bloggens wäre das schriftliche Festhalten des Momentes, da man schreibt.

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6 Andi 5. Oktober 2007 um 13:16

Wolf, ich lebe sehr wohl in einer festen Partnerschaft, allerdings ist meine bessere Hälfte sehr gut erzogen und ich kenne das Beschriebene deshalb nur aus Erzählungen oder von Erfahrungen mit Verflossenen. ;-)

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7 Dr.Best 6. Oktober 2007 um 17:40

Herrlich! ^^
Wie manch Einer den erdrückensten
Themen noch ein, zwei oder vier fünkchen
Humor abgewinnen kann…

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8 Gunnar 6. Oktober 2007 um 17:57

@christian: ja. und nein. hier geht es um universelle erkenntnisse.

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9 Christoph 9. Oktober 2007 um 10:01

Wir sind alle nicht allein… immer wieder schön zu lesen :)

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10 prcs 13. Oktober 2007 um 22:59

Ich weiß ja nicht, ob Sie, Herr Kaliban,
schon einmal Queer as Folk gesehen haben,
aber die Figur des Brian Kinney lässt mich
oft unweigerlich an den Gamestar-Charakter
Gunnar Lott denken – es muss an den Frisuren liegen,
oder an manchen geschickt und gut dosierten Blasiertheiten ;)

Dass der Schauspieler Gale Harold (der Kinney spielt) im
selben Jahr geboren ist wie Sie, kommt noch dazu.
Worauf will ich hinaus, das Ziel ist da, ich wollte das mal loswerden…

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11 Gunnar 14. Oktober 2007 um 13:49

ist mir unbekannt. wenn ich das mal zufällig sehe, achte ich drauf.

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