Frühling (eine Geschichte mit Herrn Tamm)

by Gunnar on 4. November 2007 · 4 comments

Herr Tamm ist unterwegs, in einer fremden Stadt. Der Ort liegt weiter im Süden als seine Stadt und hat den Winter bereits vollständig abgearbeitet und mit dem Frühling begonnen. Tamm ist mild euphorisiert von dem schwebenden Licht und der laubgewürzten Luft, und er erlaubt sich ein Schlendern, ein fröhliches Schlenkern, das mehr dem Verharren als dem Vorankommen dient. Sein Blick, normalerweise beim Gehen magisch auf einen Punkt hinter dem kurzfristigen Ziel gerichtet, als wollte er durch Mauern gehen, schweift umher, ohne dass Tamm kontrollieren könnte, was Hirn und Auge da protokollieren. Grün feiert Siege über Grau, Efeu erklettert Fassaden, Blattwerk verdeckt Mauern. Die Haut der Menschen leuchtet umso mehr, je weniger Textilien an ihnen zerren. Die Frauen zeigen die Ansätze ihrer Frühlingsbrüste und ihre Frühlingsbauchnabel, die Männer stellen ihre Hälse, ihre Ellenbogen, manchmal ihre Knie zur Schau.

Tamm muss sich losreißen von dem Grün der Blätter, dem Blau des Himmels, dem Rosa der Brustansätze. Doch der Rest des Weges ist kurz, er steht schon fast vor ihrem Haus. Es ist nicht ihr Haus, natürlich, das Haus ist ein Mietshaus, elf Parteien, zwei pro Stockwerk und das obligatorische reiche Ehepaar im ausgebauten Dachgeschoss. Tamm fährt mit dem Finger die glatten Flächen der Klingelschilder ab, berührt jede Schraube, bis er zu ihrem Namen kommt. Er sammelt eine Sekunde Kraft und drückt. Drinnen ertönt jetzt, Tamm weiß es, ein dezentes Glockenspiel, draußen signalisiert die Klingel nur mit einem flachen Summen, dass sie ihre Arbeit getan hat.

Tamm wartet ein paar Sekunden. Und dann noch ein paar. Niemand öffnet. Sie ist nicht da. Das überrascht Tamm nicht, er weiß, dass sie sich Mittwochs frei nimmt und mit ihrer Freundin Irina zum Geldverschwenden in die Stadt geht. Deshalb kommt er ja, wenn er mal in der Gegend ist, immer am Mittwoch. So kann er ihr ein paar Tage später erzählen, er sei bei ihr gewesen und habe sie nicht angetroffen, ja, schade, war eine kurzfristig geplante berufliche Reise, nein, er habe keine SMS schicken wollen, er wolle sie nicht nerven, nur ein Überraschungsbesuch, nichts formelles. So bleibt alles in der Schwebe. Und Tamm läuft nicht Gefahr, dass sein sorgfältig konstruiertes Bild von ihr zerspringt.

Tamm geht zum Bahnhof zurück, durch die lichte Luft und den Sonnenschein, doch er hat keinen Blick für die Menschen und keine Freude an der Wärme. Er will allein sein.

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