Wenn Computer irre werden

by Gunnar on 10. November 2007 · 35 comments

Das grandiose Spiel Portal, bekanntlich der coolste Teil der hübschen Orangenkiste, hat’s mal wieder gezeigt — verrückt spielende Künstliche Intelligenzen als Bösewichter in Storys funktionieren immer. Fragt man sich nur, warum das so selten gemacht wird. Ich kann mich, aus meiner persönlichen und möglicherweise lückenhaften, Medienerfahrung, nur an vier Fälle erinnern: HAL, HARLIE, SHODAN, GLaDOS. Mag noch ein paar andere gegeben haben, aber wenn, dann haben sie keinen Eindruck hinterlassen. Obwohl, Skynet wäre noch zu erwähnen, aber Skynet (aus Terminator) ist ja nur eine Entität im Hintergrund und redet nicht. Und, wie mein Bruder einwirft, nicht unerwähnt bleiben darf Bomb #20. Weil’s dennoch nicht so viele sind und sie alle zur Nerd-Kultur gehören, hier ein rascher Überblick über berühmte irre KIs:

HAL 9000
Die Story: HAL 9000 war die KI eines Raumschiffs auf einer geheimen Jupiter-Mission. HAL bekommt mit, dass man ihn abschalten will (weil er per Kamera die Crew beobachtet und Lippen lesen kann) und entscheidet, die Raumfahrer umzubringen. Das kommt bei den Menschen nicht gut an, und Astronaut Bowman beginnt, Teile von HAL abzuschalten. Dadurch wird die KI Stück für Stück verrückt. Sensationeller Film, übrigens.
Signifikante Szene: HAL, schon ziemlich durch den Wind, singt das Lied Daisy Bell.
Kommt erstmals vor in: 2001 – a Space Odyssey (1968, Film von Stanley Kubrick, Buch von Arthur C. Clarke)
Das Akronym steht für: Heuristically programmed ALgorithmic computer. Es wird immer mal wieder behauptet, “HAL” stünde für “IBM”, weil die Buchstaben jeweils einen Schritt im Alphabet nach vorne verrückt sind. Clarke und Kubrick haben das aber wiederholt dementiert.

SHODAN
Die Story: SHODAN ist die KI der Raumstation Citadel. Ein Hacker greift sie an und entfernt ihre moralischen Restriktionen. Daraufhin knallt sie durch und tötet alle Menschen auf der Station oder verwandelt sie in Mutanten. Wir sprechen hier von “ihr”, weil sie von einer weiblichen Stimme gesprochen wird (im Spiel die Sängerin Terri Brosius) und auf Monitoren eine Art weibliches Gesicht darstellt. Sie fühlt sich den Menschen überlegen, bezeichnet sie als Insekten und versucht alles, um sie zu vernichten. Der Hacker, gefangen auf der Station und geleitet von Rebecca, einer Angestellten der Firma, die die Station erbaut hat, bemüht sich, SHODAN zu zerstören.
Signifikante Szene: Alle Szenen, in denen Shodan sich direkt an den Hacker wendet und mit ihm spricht: “In my talons, I shape clay, crafting lifeforms as I please. Around me is a burgeoning empire of steel. From my throne room, lines of power careen into the skies of Earth. My whims will become lightning bolts that devastate the mounds of humanity. Out of the chaos, they will run and whimper, praying for me to end their tedious anarchy. I am drunk with this vision. God… the title suits me well.”
Kommt erstmals vor in: System Shock (1994, PC-Spiel von Looking Glass, Lead Designer war Doug Church, Producer Warren Spector)
Das Akronym steht für: Sentient Hyper-Optimized Data Access Network

GLaDOS
Die Story: GLaDOS ist eine KI in einer gigantischen, aber verlassenen Forschungsstation der Firma Aperture Science, von der der Spieler nur das von ihr gesteuerte “Enrichment Center” zu Gesicht bekommt. Darin muss er, angeleitet und verhöhnt von GLaDOS’ (weiblicher) Stimme, es spricht die Sängerin Ellen McLain), diverse Tests überstehen: “At the Enrichment Center, we believe that a highly motivated test subject can carry out rather complex tasks, while enduring the most intense pain, so in case you don’t make it through the testing, goodbye.” Einige Hinweise deuten darauf hin, dass GLaDOS das Personal der Station umgebracht hat.
Signifikante Szenen: 1. Am Ende des Spiels zerstört der Spieler den Morality Core Chip von GLaDOS, dann tickt sie vollends aus, leitet Nervengas in den Raum und wird beleidigend. 2. Nach dem das Spiel vorbei ist, singt GLaDOS ein Lied.
Kommt erstmals vor in: Portal (2007, PC- und Videospiel von Valve)
Das Akronym steht für: Genetic Lifeform and Disk Operating System

HARLIE
Die Story: HARLIE ist die erste sich selbst bewusste KI, große Teile der Geschichte drehen sich darum, dass HARLIE wie ein Kind trainiert wird. Irgendwann überlegt die finanzierende Firma das Harlie-Projekt einzustellen, und HARLIE kämpft um sein Überleben: Er lädt Teile seiner Identität auf andere Computer, hackt sich in geschlossene Netzwerke, um Rechenkapazität und Informationen zu bekommen. Am Schluss rettet er sich, indem Projektverantwortliche mit durch sein illegales Hacken gefundenen Informationen erpresst. Wohl gemerkt, die Story wurde um 1970 erdacht.
Signifikante Szene: HARLIE versucht nachzuvollziehen, wie es ist, betrunken zu sein und zerhackt so lange seinen Info-Input, bis er ein ähnliches Gefühl erreicht.
Kommt erstmals vor in: When HARLIE was one (1972, Roman von David Gerrold, wobei der Roman einer Zusammenfassung von Kurzgeschichten ist, deren erste 1969 erschien)
Das Akronym steht für: Human Analogue Robot Life Input Equivalents

Bomb #20

Die Story: Die Dark Star und ihre Crew durchqueren die Galaxis um mit ihrem Arsenal an intelligenten, thermostellaren nuklearen Bomben instabile Planeten zu zerstören. Diese lakonischen Geräte bekommen ihre Befehle vom Schiffscomputer MOTHER und bestätigen jeweils mit Aussprüchen wie “Allright!” oder “Okay!”.

Signifikante Szene: Als das Schiff beim Durchfliegen eines Asteroidensturms beschädigt wird, gerät Bombe Nummer 20 außer Kontrolle und fängt verfrüht mit ihren Countdown an. Um die Bombe zu überreden, dass das mit dem Detonieren gar keine gute Idee ist, begibt sich Captain Doolittle zu ihr nach draußen und beginnt eine Art philosophischen Diskurs. Die Frage danach, was wir wissen können und was Existenz heißt, stimmt die Bombe tatsächlich nachdenklich, sie schaltet sich erstmal ab. Dummerweise hält sie sich anschließend für das einzige Wesen im Nichts und damit für den Schöpfer des Universums. Mit der unangenehmen Konsequenz, dass sie den Urknall nachspielen will.
Kommt erstmals vor in: Dark Star, ein low-Budget-Trash-Science-Fiction von 1974. John Carpenters Filmdebut übrigens.

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