Steampunk: Dampf, Gaslicht, sonderbare Maschinen

by wir on 16. Dezember 2007 · 7 comments

steam punkSeit inzwischen ein paar Jahren ist nun das Genre oder Setting des Steampunk (wieder) dabei, in der Science-Fiction Einzug zu halten. Weil es mir grad recht präsent scheint und obendrein ein ziemlich faszinierender Weltentwurf ist, dazu ein kurzer Text, quasi eine vorgespulte Einführung ins Thema. Zunächst ein paar Beispiele, erstmal Computerspiele: Die Thief-Reihe, Final Fantasy, Dreamfall, Arcanum oder das gerade erst erschienene Bioshock sind klare Vertreter von Steampunk. Daneben gibt es schon länger Filme wie Katsuhiro Otomos Steamboy, Wild Wild West, Disneys Treasure Planet, The Prestige, Comics wie Alan Moores The League of Extraordinary Gentlemen, und natürlich zahlreiche Romane.

Woher kommt das Ganze? In einem nett geschriebenen Essay erklärt Henry Jenkins (so eine Art Comic-Scholast) einiges zum Steampunk-Phänomen. Er nennt darin eine allgemeinere Strömung, den Retrofuturismus, als dessen Motor. Der zielt auf ein “tomorrow that never was”, eine Zukunft, wie sie sich vermutlich vergangene Generationen vorgestellt haben. Was hätte Jules Verne wohl noch so schreiben können, lautet die Frage, die sich Steampunk stellt. Darauf geben obengenannte Werke Antworten. Dampfbetriebene Computer (die hätte es übrigens tatsächlich fast gegeben), Luftschiffe, Dampfautos, Automata, Magie-ähnliche Elektrizität und ein Architektur- sowie Ausrüstungsdesign aus dem 19. Jahrhundert sind Charakteristika von Steampunk. Üblicherweise spielt das Ganze vor einem quasi-viktorianischen Setting. Es werden Zylinder und Monokel getragen, man unterhält sich über die Möglichkeit außerirdischen Lebens auf der Rückseite des Mondes und bedient stampfende, schnaubende Maschinen. Wie man sich vorstellen kann, ein Dorado für Rollenspieler.

Aber was genau ist an diesem Fantasy-Science-Fiction-Mix so faszinierend? Neben den Möglichkeiten, die diese Universen bieten, letztlich wohl das Bild einer Wissenschaft, die etwas mystisches und geheimnisvolles hat wie im vorletzten Jahrhundert, einer Wissenschaft, die nicht entzaubert ist. Steampunk ist auch ein Symptom davon, dass wir kein Vertrauen mehr in Zukunft und Technik haben. Die Vorstellung der nahen Zukunft der Menschheit hat sich in den letzten Jahren zunehmend in den Bereich der Dystopie verlagert. Was die Wissenschaft für die nächsten Jahrzehnten bereithält, ist für viele nichts uneingeschränkt Erfreuliches mehr: Gentechnik, Kybernetik und Fortschreiten der modernen Entfremdung; Szenarien, wie sie auch in Cyberpunk angelegt sind. Cyberpunk, wir erinnern uns, ist die Vision einer nahen, düsteren Zukunft. Die Welt wird kontrolliert von gewissenlosen Megakonzernen, der Mensch lebt in gewaltigen Megacities, kybernetische Implantate sind Alltag, man bewegt sich in einem dreidimensionalen Cyberspace. Shadowrun, System Shock, William Gibsons Neuromancer.
Steampunk stellt dem den Technikoptimismus vergangener Zeiten gegenüber. Technologieromantik und Vertrauen in die Wissenschaft, wie es sie vor Hundert Jahren gab, sind sein Antrieb. Steampunk zelebriert halbironisch den historischen Fortschrittsglauben, wie er sich auf den Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts zeigt. Zum Reiz des Szenarios hinzu kommt die Schwierigkeit, sich überhaupt noch plausible Vorstellungen von den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zu machen. Da neigt man dazu, dies ganz aufzugeben und sich auf eine alternative Vergangenheit zu verlegen, nämlich yesterday’s tomorrow.

Dass Steampunk inzwischen eine gewisse Fangemeinde gefunden hat, sieht man auch an den Modding-communities, die Alltagsgegenstände wie Laptops, MP3-Player oder einfach Deko-Objekte zum Spaß zusammenbastelt.

Übrigens grad aktuell: Eine
Anthologie mit Steampunk-Storys erscheint demnächst…

[Achtung Gastautor: Jan, dem Herrn Kaliban sein geschätzter Bruder, nutzt von Zeit zu Zeit dieses Forum, um Grundsatzfragen zu klären. Der Herr Kaliban ist oft, aber nicht immer Jans Meinung.]

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