Fresse, Herr Lammert

by Gunnar on 23. Dezember 2007 · 9 comments

Politiker verdienten “im Vergleich zu anderen Tätigkeiten sicher” zu wenig, sagte der Parlamentspräsident. Wenn man “die Besten auch für die Politik gewinnen will, darf sich die Bezahlung nicht beliebig weit von den übrigen Standards entfernen”. (focus.de)

So sprach zur Weihnacht der Dr. Norbert Lammert (CDU) in einer länglichen Tirade, in der er auch die übertriebenen Gehälter der Fußballprofis geißelte. Und mal abgesehen von der billigen Masche mit den Fußballern, deren Gehalt nun wirklich schlicht vom Markt bestimmt wird — das Argument mit der unattraktiven, weil unterbezahlten Politik hat der aufmerksame Zeitungsleser schon häufiger vernommen. Richtiger wird es dadurch nicht. Der Herr Lammert z.B. ist Doktor der Sozialwissenschaften, man mag mich ja voreingenommen schimpfen, aber das ist nicht die Art von Ausbildung, mit der man in der freien Wirtschaft einen fett dotierten Job landet, zumal Herr Lammert sich auch nach der Uni zumeist im Uni-Umfeld herumgetrieben hat. Wir können davon ausgehen, dass sein logisches Karriereendziel eine C4-Professur gewesen wäre, womit man einen guten Tausender pro Monat weniger verdient als ein einfacher Abgeordneter. Dr. Lammert ist aber kein einfacher Abgeordneter, sondern bekommt als Bundestagspräsident Zuschläge, eine großzügige Pension und sitzt nebenberuflich im Aufsichtsrat von Evonik Industries — ein kleiner Bonus, den er mit einer Karriere außerhalb der Politik nie erreicht hätte. Wir fassen zusammen: Herr Lammert verdient in der Politik weit mehr als er ohne die Politik jemals hätte erreichen können. Ähnliches gilt für Physikerinnen wie Frau Dr. Merkel, Förster wie Herrn Göppel (CSU), die ehemalige wissenschaftliche Uni-Mitarbeiterin Höhn (Grüne), Literaturwissenschaftlerinnen wie Frau Nahles (SPD) und sogar für einen Richter wie Herrn Wissing von der FDP.

Wo sind also die “übrigen Standards”, die gehalten werden müssen, damit potenzielle Politiker den schweren Verlockungen eines hoch dotierten Daseins als Unidozent, Arbeitsamtssachbearbeiter oder Anwalt für Sozialrecht widerstehen können? Klar gibt es unter den MdBs den einen oder anderen Geschäftsführer, ein paar Anwälte oder Ärzte mit eigenen Kanzleien oder Praxen, die vielleicht ein ähnliches Einkommen wie in der Politik hätten erzielen können. Die dürften aber die Minderheit sein, besonders wenn man die ausufernden Pensionen einrechnet. Und man einbezieht, dass die meisten Abgeordneten des Bundestages ihre Tätigkeit offenbar als Halbtagsjob verstehen: Anders lässt sich die schiere Anzahl der ehrenamtlichen oder bezahlten Nebenerwerbe nicht erklären. Ich denke, die Damen und Herren sind, auch in Relation zu den Gehältern von, sagen wir, Chefredakteuren von Spielemagazinen, recht ordentlich entlohnt. Und wenn der als Modell im Raum schwebende, aber niemals explizit genannte Management-Hotshot mit 500.000 Euro Jahresgehalt auf eine Politikkarriere verzichtet, dann liegt das sicher nicht primär an der Kohle, sondern an der absurden Tretmühle, durch die man heutzutage gehen muss, bis eine politische Partei einen in ein halbswegs passables Amt befördert.

Aber was soll’s. Es gilt dasselbe wie bei meinem Beitrag über Managergehälter neulich: Sollen sie’s in Gottes Namen verdienen, aber dann doch bitte mit dem würdelosen Gejaule und der Selbststilisierung als Opfer der öffentlichen Meinung aufhören.

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