Neid? Debatte?

by Gunnar on 11. Dezember 2007 · 22 comments

Ich habe einen stressigen Beruf, mit normalen Arbeitszeiten ist da nichts zu machen. Dazu kommt ein gerüttelt’ Maß an Veranwortung, weil meine Entscheidungen maßgeblich die Geschäftentwicklung der Firma mitbeeinflussen und damit das Wohlergehen der Mitarbeiter tangiert wird. Und natürlich habe ich auch schon Mitarbeiter entlassen müssen, nicht weil mich jemand dazu gezwungen hat, sondern, weil ich es so entschieden habe. Gibt Dinge, die mehr Spaß machen. Aber beklage ich mich? Nein, ich verdiene gutes Geld und kann, und das ist der zentrale Punkt, relativ selbstbestimmt arbeiten. Wenn ich bis abends zehn im Büro sitze, dann weil ich es so entschieden habe — und nicht, weil der Boss mit der Stoppuhr hinter mir steht. Selbst die 80-Stunden-Wochen im ersten Jahr nach der Gründung von GamePro Anno 2002 waren, dank nahezu 100prozentigem Entscheidungsspielraum, ganz gut erträglich. Viel schlechter ging es mir ein paar Jahre zuvor, als ähnliche Stundenbelastungen das Resultat der Wünsche eines überambitionierten Chefs und dünner Personaldecke waren. Das ist das wirklich harte Brot: massig Stunden, doofe Aufgaben, miese Stimmung. Wer das nicht hat, wer selbstbestimmt arbeiten kann, der ist privilegiert — auch wenn auf der Uhr ein paar Stunden mehr stehen als 40.

Und deswegen nervt mich das peinliche Geheule der überbezahlten deutschen Manager so: Klar, da kommen Stunden zusammen, klar, da muss man Verantwortung tragen. Ja, und? Wer mit der zeitlichen Belastung nicht klar kommt, sollte vielleicht das eine oder andere nebenberufliche Aufsichtsratmandat niederlegen, ungrade Talkshow-Termine absagen und auf ausgedehnte Geschäftsessen am Abend verzichten. Wenn mich ein Geschäftspartner am Samstag, sagen wir, in die Allianzarena zum Bayern-Spiel einlädt, dann kann ich hingehen oder nicht. Gehe ich hin, habe ich mich, obwohl natürlich fast ausschließlich über Geschäfte geredet wird, nicht über die aufreibende Wochenendarbeit zu beklagen. Ein nicht ganz kleiner Teil der Arbeitszeit besteht ja bekannterweise auch aus eher repräsentativen Tätigkeiten, die nicht sofort stressbedingte Herzinfarkte auslösen, es sei denn, man raucht zu viele Zigarren und verspeist zu viele Canapées dabei. Und die schlimme, schlimme Verantwortung? Also bitte: Wer kein höheres persönliches Risiko trägt, als dass im Manager-Magazin ein mild unvorteilhafter Artikel erscheint und man sich eine Woche später ducken muss, weil einem ein kiloschwerer Batzen Geld nachgeworfen wird, mit dem habe ich kein Mitleid. Zudem ist der Entscheidungsdruck im Management weit überschätzt — für alles kann man sich professionellen Rat von Experten holen, ein persönlicher Coach steht für die Psychohygiene bereit, Unangenehmes kann man zumeist nach bequem unten durchreichen, wie beispielsweise ein Herr Piëch in den Gerichtsverhandlungen zur VW-Affäre ja auch mit erfrischender Offenheit zugab: “Ich habe niemals Geld verteilt, sondern in diesen unangenehmen Fällen…dadurch aus der Schlinge gezogen, dass ich es an jemand anderen delegiert habe”. Nun denn. Sündenböcke finden sich immer, und die Herren Vorstände tragen ja in der Regel kein wirkliches unternehmerisches Risiko, auch wenn, huh, in besonders progressiven Firmen das Vorstandsgehalt von 4,1 auf 1,5 Millionen Euro sinkt, sollte die Aktie nicht auf Kurs liegen.

Egal, wie sich die Herren auch rechtfertigen und egal, wie der Einzelfall aussieht: Hier plündert eine privilegierte Kaste die Firmen, weil, nun, weil es eben gerade geht.

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