Diese stumpfsinnige Ironie

by Gunnar on 16. Januar 2008 · 28 comments

Diese absurde Dschungel-Show kommt wieder im Fernsehen, und alle halten’s für doof, peinlich und ganz allgemein für ein typisches Beispiel von Unterschichten-TV. Klar. Ist es ja auch: Spielt primitiv mit der Schadenfreude und hat als Subjekte eine Reihe abgehalfteter Vollpfosten mit gestörter Selbstwahrnehmung, die sich nur insofern von gewöhnlichen Dorfdeppen unterscheiden, als dass ihr Blödsein einem weiteren Kreis von Menschen zugänglich ist.

Aber: Die Einschaltquoten sind super und das liegt keinesfalls nur an den gern zitierten bildungsfernen Schichten — wie der Herr N. ganz korrekt herausarbeitet, hat IbeS, hmhr! souveräne 25 Quotenprozente in der Gruppe der unter 50jährigen mit Abitur geholt. Die Grenze zwischen Sehern und Nichtsehern läuft entlang der Altersgruppen, nicht entlang der Bildungsgrade. 25 Prozent, das ist mehr als jede Nachrichtensendung, jede BBC-Doku, jeder Themenabend, den Arte jemals gebracht hat — einzig Spielfilme schlagen sich besser. Sinkt der IQ der formell Gebildeten? Ist Schund jetzt Konsens?
Vermutlich schon, irgendwie. Heutzutage ist, anything goes, irgendwie alles erlaubt. Wie im englischen Laddism, der ja auch deswegen so funktionierte, weil er (männlichen) Studenten prolliges Verhalten ermöglichte, kann man heute als Akademiker problemlos seinen uniabgeschlossenen Freunden erzählen, was man am Abend zuvor eingeschaltet hat. Macht nichts, die haben’s ja auch gesehen. Es gibt nur eine Regel zu beachten — man muss es entweder mild ironisieren (und damit deutlich machen, dass man das, dem man vorher 90 Minuten seiner kostbaren Lebenszeit geschenkt hat, ja eigentlich scheiße findet) oder sich auf die etwas schwache, aber weithin akzeptierte Position des Ach, ich war so fertig, wollte nicht denken, wollte nur abschalten zurückziehen.

Das kotzt mich ein bisschen an.

Überdies ist das alles Zeitverschwendungsfernsehen. Wenn man ein halbwegs tragfähiges Show-Konzept, wie DSDS, beispielsweise auf eine halbe Stunde runterbrechen würde, also quasi auf Songs und Bohlen-Gehässigkeiten, dann könnte man’s ja vielleicht zuweilen noch anschauen. Aber das ist ja alles mit künstlicher Spannung, falschen Gefühlen und hirnmordendem Moderatorengewäsch auf das Dreifache des Erträglichen aufgeblasen.

Auch noch.

Ahem. Auf den nächsten Zeilen folgt ein pathetischer Aufruf, vielleicht sollten zynische Gemüter jetzt und hier aufhören zu lesen. Und morgen abend wiederkommen.

Wenn also die Massenmedien blöd sein wollen, aus Quotengeilheit oder schlicht schlechtem Geschmack, heißt das ja nicht, dass wir ihnen auf dem Weg in den Blödsinn folgen müssen: Lasst uns der Versumpfung durch die Medien Einhalt gebieten! Lasst uns schreiben, malen, musizieren, leben. Kinder zeugen, Projekte auflegen, Labels, Verlage, Wir-AGs gründen. In Foren diskutieren. Blogs zu abseitigen, pseudointellektuellen Nischenthemen einrichten. An Wikis mitarbeiten. Lasst uns Parteien unterwandern, durch Institutionen marschieren. Lasst uns der stumpfsinnigen Ironie Einhalt gebieten, Menschen und Dinge und Themen ernst nehmen. Lasst uns Herzblut vergießen, immer wieder.

Wirklich. Die Welt könnte ein besserer Platz sein.

Nachtrag: Jaja, ich will gar nicht behaupten, dass ich frei von Konsumschwächen wäre — bei mir ist’s weniger das TV, aber ich könnte sicher meine Freizeit auch sinnvoller nutzen, als zum 3. Mal den Herr der Ringe auf DVD zu sehen oder mich quer durch das Mittelmaß des amerikanischen Spieleschaffens zu arbeiten. Klar. Aber ich halte mir zugute, dass ich immerhin auf diese pseudoironische Nähe zum Schmutz verzichte. Immerhin.

Ein kleines Erweckungserlebnis hatte ich vor einigen Jahren, als ich, irgendwie, alle Ausreden aufgebraucht hatte, nicht mit Die Buddenbrooks anzufangen. Das übliche: “Ach, ich bin müde, ach, so ein dicker Schinken, als ich will mich entspannen, die Arbeit ist anstrengend genug” et cetera pp. Aber dann habe ich’s begonnen und, huh, es war leicht und locker zu lesen, anregend, ohne anzustrengen, entspannend, ohne abzustumpfen. Ging dann ganz gut. Der Selbstbetrug zuvor kam mir dann ziemlich albern vor.

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