Februar 2008

bild (c) bethesda, inc.

Jahrelang habe ich gespürt, dass was fehlt. Mir und so vielen anderen. Man fühlt seine Abwesenheit wie ein Loch in der Welt, man sieht es manchmal aus den Augenwinkeln, aber es entfleucht dem direkten Blick. Wie ein Geist oder ein unerfülltes Versprechen.

Es ist… die Perfektion.

Wer kein Handwerk betreibt oder manisch veranlagt ist oder wenigstens im Geld schwimmt, der erreicht nie Perfektion im Leben. Vor allem nicht, wer in den Medien oder so genannten Kommunikationsberufen arbeitet, also Journalismus, PR, Marketing, Werbung, Design et cetera. Oder Software entwickelt. Unsere von vornherein schon nicht vollständig präzisen Gedanken werden unscharf im Aussprechen oder Aufschreiben, dann unschärfer durch Kompromisse. In Meetings, in Briefings, in Gesprächen — immer einigt man sich irgendwo, immer fehlt ein Baustein, immer stimmt irgendwas nicht ganz. Man winkt ab, gibt nach, belässt es dabei, bis am Ende alles verwischt. Nur selten, selten gelingt es, wenigstens ein Detail festzuzurren — ein eklatant schönes Logo, eine brillante Formulierung, ein unerwartet stimmiger Sound.

Kein Wunder also, dass man sich so über Headshots freut, über 1000 Punkte Gamerscore, über die fehlerfrei gefahrene Runde.

Wie machen das bloß Leute, die keine Videospiele spielen?

spd

So, aha, die SPD in Hessen kann sich durchaus vorstellen, ihre Ministerpräsidentin von den Ex-SED-Jungs wählen zu lassen. War ja klar, erstmal Koch weg und dann gucken, vielleicht Neuwahlen, vielleicht doch die FDP umwerfen, vielleicht irgendwas. Ja, ich kann schon verstehen, dass das alles blöd ist für Frau Y., gewonnen und doch nicht gewonnen, ärgerlich irgendwie.

Aber WENN man es in Erwägung zieht, mit den Lafontainern Sex oder wenigstens Petting oder vielleicht auch nur eine Knutscherei auf der Rückbank von Gysis Benz zu haben, DANN soll man es bitte vorher sagen. Geht doch ganz einfach: Wir wollen Koch absägen, um jeden Preis, das müsst ihr verstehen, als ultima ratio auch durch einen Pakt mit links außen, wir versprechen euch, wir machen das korrekt, schaut doch nach Berlin, da sind die auch ganz vernünftig. Und so weiter.

Hat man aber nicht gesagt, gesagt hat man stattdessen “Mit der Linkspartei wird es keine Zusammenarbeit geben – weder so noch so”, wie das auf der offiziellen SPD-Seite netterweise immer noch nachzulesen ist. Das war eine veritable Lüge. Und warum? Weil man den Wählern eben lieber erst nach der Wahl die Wahrheit sagt, denn dann hat man ja ein paar Jahre, um sich zu rehabilitieren. Das ist zum Reichstage anzünden, wie offen die Parteien, links wie rechts, mit der Vergesslichkeit des Volkes spielen.

Kann man da nicht irgendwas machen? So eine Art Stiftung Wählerschutz gründen, die dann kurz vor dem nächsten Urnengang eine kleine Zeitung herausgibt, in der die mittlerweile obsoleten Versprechen vor der letzten Wahl aufgelistet sind? Oder braucht man vielleicht eine Art sauber dokumentiertes Wahlversprechen-Wiki?

Hmm…

Rosa und Gold und Weiß

by Gunnar on 25. Februar 2008 · 12 comments

bild (c) erkan und stefan

Jaja, ich weiß, es ist ein trivialer Gedanke, eine bekannte Tatsache. Aber es wundert mich immer wieder, dass gerade die Leute, die unbedingt macho sein wollen, sich so, ahem, schwuchtelig anziehen. Also, neulich, im Supermarkt, stand so ein Typ vor mir in der Schlange. Wunderlich angetan: weißer Trainingsanzug, Turnschuhe in weiß und gold mit etwa sechzig Zentimeter dicken Sohlen, rosa Polohemd mit aufgestelltem Kragen, Goldkettchen, Goldringe, Goldarmband, sorgfältig ins dunkle Haar ondulierte ostblockblonde Strähnen am Nacken. An sich schon absurd genug. Absurd aber vor allem, wenn man eine gepflegte Macho-Kultur hochhalten möchte. Und man ja, ehrlich gesagt, in diesem Outfit kaum männlich aussehen kann. Nun gehöre ich nicht zu den Leuten, die finden, dass schon Männer, die sich mehr als einmal pro Woche waschen, schwul wirken, aber hey — all die Kettchen, die Strähnchen, die Kinkerlitzchen. Würde ich mit derlei Accessoires am Körper und einer solchen Frisur um’s Haupt die Einsteinstraße runterstolzieren — ich wette, die Bushaltenstellenherumlungerjungs am Max-Weber-Platz hielten mich für homosexuell, anstatt mir als dem Inbegriff der Neuen Urbanen Männlichkeittm zu huldigen.

Hm. Hat denen nicht mal jemand gesteckt, dass rosa, gold und weiß keine klassischen Männerfarben sind? Und: Gucken die sich gegenseitig nicht an? Müsste da nicht mal Murat zu Kevin sagen, ey, Kevin, weißt, mit den goldigen Ohrrings zur Halskett’n von dei’ Mutta siehst irgendwie nicht mehr Gangsta aus, eher mehr wie dei’ Mutta selbst.

Olivia K. aus München

by Gunnar on 24. Februar 2008 · 8 comments

oliver kahn. bild (c) ard

Bei uns im Supermarkt um die Ecke, da sitzt eine Frau an der Kasse, die sieht aus wie ein bekannter Münchener Fußballtorwart. Echt. Haare, Statur, Gesicht, alles gleich. Sie ist nur ein bisschen jünger. Und ihre etwas fiepsige Mädchenstimme, die so ü-ber-haupt nicht zu ihren kantigen Konturen passen will, eignet sich vermutlich nicht zum Zusammenbrüllen von brasilianischen Abwehrspielern oder polnischen Stürmern.

Ich stehe irritiert vor ihr, während sie mein Gemüse abrechnet und will sie, aus der schieren Verblüffung heraus, schon fragen, ob sie einen großen Bruder hat oder wenigstens, sagen wir, Handballtorhüterin ist. Im letzten Moment siegt die gute Erziehung, und ich nehme nur mein Wechselgeld und gehe stumm hinaus.

Gottseidank, sonst hätte sie mich vielleicht gebissen.

Die Brüste des Bösen

by Gunnar on 23. Februar 2008 · 18 comments

slaaneesh daemonettes. bild ist (c) games workshop

Früher, da spielte ich so genannte Tabletops. Das sind Strategiespiele mit Armeen von Miniaturen, die man auf einem großen Tisch umherschiebt, den man mit allerlei Zeug zu einer Landschaft umgestaltet hat. Tabletops finden, im Gegensatz zum Tabledance, in der Regel in Hobbyräumen statt und kommen komplett ohne weibliche Beteiligung aus. Dort treten Jungs und Männer gegeneinander an, hetzen Ork-Regimenter, Space-Marine-Kompanien oder Raumschiffgeschwader aufeinander, streiten sich über Regelauslegungen, trinken literweise Coca-Cola Light und gewinnen merkwürdige Pokale auf merkwürdigen Turnieren.

Großer Spaß, das alles. Man trifft die ganze Nerd-Typologie rauf und runter: die dicken Mathematiker, die angeberischen Diplomexperten, die langhaarigen Metalfans, die bebrillten Soziallegasteniker. Und, uh, mich und meine Freunde. Ahem. Jedenfalls früher, in den Neunzigern. Keine Ahnung, wie das Publikum auf derlei Veranstaltungen heute aussieht. Ich war seit vielen Jahren nicht mehr da.

Seinerzeit jedenfalls aber begab es sich einmal, dass auf einem dieser Turniere eine Frau anwesend war. Eine echte Frau, ziemlich hübsch, mit allen diesen Körperteilen, die Frauen nun mal haben. Nennen wir sie M. Die Dame erschien in engen Jeans und einer Art vage mittelalterlich anmutenden Oberteil, das ein bisschen wie ein Mieder aussah und ihre Brüste stark herausstellte. Das allein war schon ein bisschen viel für die jungfräulich-männliche Umgebung und sorgte für verstohlene Blicke, leise Seufzer und Sekundenohnmachten von besonders empfindsamen Dunkelelfen-Feldherren. Das Fräulein fand sich aber nicht nur ein, um die Jungs kirre zu machen, sie spielte auch gut und war von brennendem Siegeswillen erfüllt. So sehr, dass sie vor Provakationen, Zänkereien und abstrusen Regeldiskussionen nicht zurückschreckte. Manche knickten vor ihr ein, beugten sich der Gewalt. Andere verteidigten ihre Position, gaben Kontra. Doch auch sie wurden gebrochen, denn Tabletops spielt man, ich sagte es schon, auf dem Tisch. Und bei strittigen Fragen beugt man sich vornüber, um mit Gesten und Maßband darzulegen, dass, sagen wir, die Elite-Elfenbogenschützen hinter dem Wall unmöglich weit genug schießen können, um, sagen wir, den eigenen Erzzauberer-Nekromanten zu erwischen. Und wenn M. sich vorbeugte, was sie häufig tat, dann waren übermenschliche Anstrengungen vonnöten, um den Blick von den nun nahezu vollständig sichtbaren Brüsten zu reißen und ach, egal, du hast schon recht, M., ja klar, die Schützen sind zu weit weg, ja, dochdoch, lass uns einfach weiterspielen.

So errang sie Sieg um Sieg, ein lebender Beweis für die Rückgratlosigkeit des starken Geschlechts und die Tücke des Weiblichen. Vermutlich ist sie mittlerweile im Vorstand eines Megakonzerns und hat Millionen in Liechtenstein.

Klicken auf eigene Gefahr

by Gunnar on 22. Februar 2008 · 3 comments

80 Millionen winziger Bilder

Das Wi-Fi Detector Shirt

Fähigkeiten, die man nicht mehr braucht

GAP — Gesichter auf Plakaten

Ich liebe sie alle, auch die hässlichen

by Gunnar on 21. Februar 2008 · 10 comments

bücher

Ich gehe durch den Buchladen, Treppe um Treppe bis in den sechsten Stock, und unterwegs bleiben immerzu Bücher an mir kleben, laufen mir winselnd nach, springen mir in die Taschen. Als ich ganz oben bin, wanke ich unter der Last. Aber ich bringe es nicht über das Herz, sie wegzuschicken. Ich akzeptiere sie erstmal alle, bedingungslos, auch die hässlichen. Bis ich in ihr Inneres geblickt habe. Dann, erst dann, kann ich einige zurückweisen, andere vertrösten, damit ich nicht alle mit nach Hause nehmen muss. Nach Hause, wo die anderen warten, die sich vernachlässigt fühlen und die Neuankömmlinge kritisch beäugen, sich im Regal dick machen, damit kein Platz mehr ist oder sie zwischen sich zerren, hinter sich schieben, ins Dunkel des Regals.

Ach, ich bin zu nachgiebig mit ihnen, ich liebe sie zu sehr.

Sie tanzen mir auf der Nase herum wie ungezogene Kinder.

Eine Anrufbeantworter-Fantasie

by Gunnar on 20. Februar 2008 · 8 comments

Ich wähle ihre Nummer, ich will ihr sagen, dass ich sie vermisse. Dass der Tag vorüber ist, das Wetter grau, das Hotelzimmer trist und der Alkohol zu teuer. Aber sie nimmt nicht ab, sie lässt sich von ihrem Anrufbeantworter vertreten, und der Anrufbeantworter versteht mich nicht, der ist ein Simulant, der spielt mir ihre Stimme nur vor. Dem Anrufbeantworter kann ich nicht die Wahrheit sagen, dem Anrufbeantworter vertraue ich keine Geheimnisse an. Also spreche ich nach dem Ton, heiser und flüsternd: Unter den Dielen schlägt das Herz des Vampirkönigs, so laut, dass es die Hallen bis in die hintersten Winkel füllt. Ich sitze hier in der Dunkelheit, die Hand um den Pflock gekrampft, und lausche. Ein Luftzug bringt wirbelnden Staub heran. Der Sichelmond schickt machtlose Strahlen durch die bunten Bleiglasscheiben und zeichnet ausgefranste Muster auf den Boden. Komm doch her, ich brauche das Licht deiner Augen bei mir. Oder ruf mich, mit der Magie deiner Stimme.

Und dann ruft sie an. Und ich sage ihr alles. Dass ich sie vermisse, dass das Wetter grau ist, das Hotelzimmer trist und der Alkohol zu teuer.

Und der Tag ist nicht ganz verloren.

anrufbeantworter

Die Achse des Boshaften

by Gunnar on 20. Februar 2008 · 6 comments

Weil’s gestern schon mal Thema war und gerade so hübsch passt.

In Vaduz hingegen, behauptet der Prinz, stünden fiskalische Interessen nicht über rechtsstaatlichen Prinzipien. Das stimmt: Denn in Liechtenstein sind fiskalische Interessen mit rechtsstaatlichen Prinzipien weitgehend identisch. Das Gesetz ist darauf ausgelegt, andere Länder um ihr legitimes Einkommen zu bringen. Wäre der Begriff Schurkenstaat nicht so belastet – man könnte ihn in Finanzdingen auch auf das Fürstentum anwenden.

Nicolas Richter (Süddeutsche Zeitung) findet recht deutliche Worte.

Der 5-Billionen-Euro-Krieg

by Gunnar on 19. Februar 2008 · 11 comments

krieg gegen liechtenstein

1.3.2008 In Absprache mit der US-Regierung und den anderen NATO-Partnern zieht die Bundesregierung beinahe die Hälfte der Bundeswehrtruppen aus Afghanistan zurück. Die Soldaten werden in Südbayern und Baden-Württemberg zu neuen Verbänden zusammengestellt. Der Zweck dieser Aktion ist unbekannt. Allerdings scheint es sich um eine koordinierte NATO-Unternehmung zu handeln, denn Frankreich verlegt Truppen in den Raum Toulouse, Großbritannien hat parallel mit Flottenmanövern im Ärmelkanal begonnen. Die Sprecher von NATO und Bundesregierung wollen keine Stellungnahme abgeben.

10.3.2008 Im Außenministerium kommt es offenbar zu einem diplomatischen Eklat, als die Botschafter der Schweiz und Österreich gemeinsam einbestellt wurden. Das Treffen mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der Bundeskanzlerin dauert mehr als sechs Stunden, erst gegen 22:00 verlassen die Botschafter das Gebäude, Augenzeugen zufolge in “hoher Erregung”.

12.3.2008 Ein Kampfverband der 2. US-Flotte nähert sich der Nordküste von Kuba. Die kubanische Regierung legt Protest gegen Manöver in ihrer 100-Meilenzone ein und droht mit Vergeltung. Ein Sprecher des amerikanischen Marineministerium spricht von einem Navigationsfehler und bestreitet feindliche Absichten gegenüber Kuba. Die Schiffe hätten “andere Ziele”.

17.3.2008 Die NATO spricht, morgens um 7:05 MEZ, eine offizielle Kriegserklärung gegen Andorra, Liechtenstein, Guernsey, die Caymann-Inseln und die Isle of Man aus. In dem ungewöhnlich knapp formulierten Dokument ist von “Verbrechen gegen die Steuergerechtigkeit” der NATO-Staaten die Rede. Um 10:30 sind die betroffenen Staaten besetzt, deutsche Fallschirmjäger hissen über Vaduz den Bundesadler. Österreich und die Schweiz senden förmliche Protestnoten nach Berlin. George W. Bush sagt in Washington in einer Ansprache vor dem Pressekorps: “Wenn wir ehrlich sind, haben diese Staaten, die eine Achse des Ominösen und der Verschleierung bilden, der westlichen Wertegemeinschaft mehr geschadet als Nordkorea und Iran. Ich bin froh, dass wir die Kerle endlich dran kriegen.”

27.3.2008 Eine Verhaftungswelle erfasst die “oberen Schichten” von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA, als die Steuerbehörden die Daten von beschlagnahmten Bankcomputern aus dem so genannten 5-Billionen-Dollar-Krieg auswerten.

29.3.2008 Luxemburg, Malta und Zypern kündigen, ebenso wie die Schweiz und Österreich, eine Reform ihrer Steuergesetze an. Die NATO beendet ihre Manöver in der Bodenseeregion und im östlichen Mittelmeer.

Sie können sich nur noch zum Scheine schämen

Februar 18, 2008

Erstaunlich, wie aktuell die Worte des großartigen Erich Kästner auch heute noch immer wieder sind. Die Zeilen oben und im Foto rechts stammen aus dem Gedicht Zeitgenossen, haufenweise. Nicht, dass ein falsches Bild entsteht: Mir ist letztendlich egal, wie groß der Geldhaufen ist, auf dem der Klausi von der Post sitzt und auf uns doofe […]

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Das schwarzlippige Emo-Mädchen

Februar 17, 2008

Sie sitzt mir in der S-Bahn gegenüber, versunken offenbar in die Musik, die ihr die schwarzen Ohrstecker in die Gehörgänge schieben. Sie schaut aus dem Fenster, seltsam still und inwärts gewandt. Ich kann nicht anders als sie anzustarren. Dabei ist sie nicht speziell schön oder speziell sexy oder allzu besonders — nein, sie ist einfach […]

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