Das schwarzlippige Emo-Mädchen

by Gunnar on 17. Februar 2008 · 24 comments

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Sie sitzt mir in der S-Bahn gegenüber, versunken offenbar in die Musik, die ihr die schwarzen Ohrstecker in die Gehörgänge schieben. Sie schaut aus dem Fenster, seltsam still und inwärts gewandt. Ich kann nicht anders als sie anzustarren. Dabei ist sie nicht speziell schön oder speziell sexy oder allzu besonders — nein, sie ist einfach so emo. Nicht, dass ich wirklich wüsste, was man heutzutage so bezeichnet, mein ganzes Wissen darüber stammt aus einer Bravo-Foto-Lovestory, die ich im Büro mal durchgeblättert habe. Ich nehme aber mal bis zum Beweis des Gegenteils an, dass es eine Jugendmode ist, sowas mit Selbstmordästhetik, düsterer Musik, Abgrenzung zum Spießertum. Und Friedhöfen. Und kleinen Tieren. Wobei mir übrigens neulich aufgefallen ist, dass es im Land der Unbegrenzten Möglichkeiten eine Art Playboy mit gepiercten Emo-Mädchen drin gibt. Heißt Suicide Girls. Bisschen absurd. Logische Marktlücke allerdings.

Aber zurück zu ihr: Sie hat sich die Oberlippe, nur die Oberlippe, schwarz getuscht, was einen merkwürdigen Effekt ergibt, zusätzlich natürlich schwarz gefärbte Haare, schwarz geschminkte Augen, durchgehend schwarze Klamotten, Schicht auf Schicht. Mein Blick fängt sich aber an der schwarzen Stofftasche, die sie auf dem Schoß hält.
Wir beginnen oben: Mit Sicherheitsnadeln hat sie eine Art Mini-Stoffposter an die Tasche geheftet, das ein prototypisches Manga-Motiv zeigt (dunkler Typ in dominanter Pose plus junges Mädchen), dazu die verschlungene Zeile Orochinara is my Master oder so, die ich nicht wirklich begreife, da mir das Wissen um die Orochinaras dieser Welt fehlt — ein Vampirlord, Hitlers Widergänger, ein Sektenguru, Voldemorts Bruder, ein indischer Gott? Naja, kann ja jeder selber googeln. Wobei es vermutlich nicht hilft, dass ich die genaue Schreibweise des Namens vergessen habe. Irgendwas mit Oro und Chi. Egal, ist jedenfalls irgend so eine Manga-Figur. Weiter: Am Reißverschluss hängt ein rosa Schwein, aus Stoff. Das kollidiert ziemlich mit dem ganzen Schwarz und der Master Orochinara findet das sicher auch nicht soo toll. Ich hätte gedacht, Mädchen machen entweder auf schwarz oder auf rosa, aber nun, offenbar sind Kombinationen erlaubt. Daneben: ein I’m so happy I could die-Anstecker, Emo-Klassiker würde ich sagen. Dann einer mit You will hate my music, auch schön, dann wieder ein Bruch: ein Hello Kitty-Aufkleber. Dann noch irgendwelche Sachen, die sich auf Vampire beziehen und ein paar mehr Dingelchen, die ich vergessen habe.

Ein wilder Mix irgendwie. Aber wer versteht schon die Welten, die sich Mädchen bauen? Wenn ich mal eine Tochter habe, soll sie bitte burschikos sein, handfest, nicht umzuwerfen. Aber derlei Wünsche gehen natürlich nie in Erfüllung, self denying prophecy sozusagen. Ich sehe mich schon im Supermarkt stundenlang nach den richtigen Sorten Lipgloss und Wangenglitter fahnden, die zu besorgen mir von dem verwöhnten Balg aufgetragen wurde. Ach. Vermutlich sollte ich mich beim Nachwuchs eher um Jungs bemühen.

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