Dieser Schalter in meinem Hirn

by Gunnar on 10. Februar 2008 · 24 comments

rage!

Früher, als 18jähriger, wachte ich immer mit einem erigierten Mittelfinger auf, sagte der immer noch zornige Henry Rollins irgendwann mal.

Ich habe generell ein ähnliches Problem — schon Kleinigkeiten REGEN MICH AUF. Neulich musste mich die Liebe meines Lebens mit einem geübten Bodycheck niederringen, um zu verhindern, dass ich diesen rotznasigen Jüngling hinter der Infotheke eines schwedischen Möbelhauses hervorzerre und mit dem Kopf rhythmisch gegen das Sideboard Malm schlage, bevor ich ihm mit den Splittern des Bierglases Mjöd beide Ohren abschneide. Was mir möglicherweise ein lebenslanges Hausverbot eingebracht hätte. Ich hatte den Laden bereits mit pochender Halsschlagader betreten, weil wir ohnehin nur vor Ort waren, um nach einer Fehlberatung beim vorangegangenen Besuch irgendein Zubehörteil nachzukaufen. Dann unterbrach mich der Infotheken-Typ bereits nach dem ersten Halbsatz meiner Nachfrage, um sich für nicht zuständig zu erklären. Und da rastete dieser Schalter in meinem Hirn ein, der dieses bestimmte Programm aktiviert, dieses urzeitliche, das seinerzeit meine Vorfahren dazu befähigt hat, mit nichts als einem Steinspitzenspeer in den haarigen Händen Säbelzahntiger anzugreifen. Ich hingegen, Produkt von 500.000 Jahren Evolution, verschwende all das schöne Adrenalin im letztendlich relativ sinnlosen Verbellen von Repräsentanten der deutschen Servicewüste, missliebigen Vorgesetzten und gegnerischen Autofahrern. Schlimm. Ich werde noch als verbitterter alter Mann enden, der morgens mit Klemmbrett und Stift durch Ost-Haidhausen streift, um Falschparker aufzuschreiben.

Wenn es dann noch falschparkende Autos gibt, später, in den dunklen Jahren meiner Rentnerzeit, wo die fossilen Ressourcen endgültig zu Neige gegangen sind.

Aber ich schweife ab, ich versuche hier über meine Aggressionen zu sprechen, dieses mein Blog ist ja quasi meine persönliche Urschreitherapie. Wo wir gerade beim Schreien sind, schreien könnte ich übrigens die ganze Zeit, während ich dies schreibe, weil die Liebe meines Lebens nebenbei das Das perfekte Promi-Dinner anschaut. Ich gucke zwar nicht hin, höre aber die gewollt lockeren Dialoge von den widerlich arroganten Klasse-C-Schauspielern, die mir Hirnbluten verursachen, insbesondere die Absonderungen der offenbar steindummen, sich aber sehr hipcoollässigindie vorkommenden Verbotene Liebe-Darstellerin Claudia Hiersche, deren Namen ich nur deswegen hier gefettet vollständig hinschreibe, weil ich hoffe, dass sie, wie alle eitlen Menschen, sich regelmäßig selber googelt, diesen Text findet und sich wenigstens ein kleines bisschen ärgert.

Und zwischendurch kommt auch noch Werbung, in der eine berechnende Jungmutter ihrer hungrigen Kleinfamilie voller Stolz panierten Fabrikfraß ungewisser Herkunft anbietet, was die entmenschte Bande dazu treibt, sich noch die Finger abzulecken, vermutlich unwissend, dass sie mit dem soeben verzehrten Zeug einen ordentlichen Schritt in Richtung Fettsucht getan und nebenbei ihr Darmkrebsrisiko um den Faktor 2.7 erhöht hat. Und dann schaut die Jungmutter auch noch triumphierend in die Kamera, als verachte sie alle Küchenzeilenbesitzer, die ihren Angehörigen noch echte Nahrung zubereiten, was natürlich ein bisschen mehr Aufwand wäre als einfach ein paar abgepackte Portionen Essplastik in die Mikrowelle zu feuern und besagten Küchenzeilenbesitzern kostbare Fernsehguckzeit blockiert. Weiß gar nicht, was mich dabei mehr aufregt: die Frauenrolle, die Tonalität, die Stumpfheit der Botschaft oder der Fraß an sich. Es ging übrigens um einen Spot der Firma Alpenhain für ihre, uh, Back-Käse-Mahlzeiten (darunter die ekelhaft aussehenden Gourmet Frischkäse Amigos), die ich hier nur deswegen so akkurat und ordentlich gefettet erwähne, weil ich hoffe, dass das Marketing der Firma Alpenhain regelmäßig die eigenen Produkte googelt, diesen Text findet und sich schmerzlich und dramatisch falsch verstanden fühlt in seiner sorgfältig an Fokusgruppen perfektionierten Werbebotschaft.

Argh. Mein Blutdruck. Ich muss ruhiger werden. Aber wie? Die Welt ist voller schlimmer Missstände, ästhetischer Verbrechen, achtloser Menschen. Wenn ich das schon nicht ändern kann, muss ich mich wenigstens beklagen. Eingedenk der Warnung von Lars aus den Kommentaren möchte ich hinzufügen, dass ich bei Kindern und Tieren engelsgeduldig bin. Ich habe auch nicht diesen Ich-brauche-mein-Prozac-Ärger oder diesen Ich-bringe-euch-alle-um-Ärger, sondern diesen Hier-stimmt-was-nicht-Ärger oder den Das-hätte-ich-besser-machen-können-Ärger, der entsteht, wenn man an sich und andere halbwegs hohe Anforderungen stellt. Der macht das Leben nicht leichter, ist aber im Grunde keine schlechte Sache. Nur wer sich bewegt, fällt nicht um.

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