Humanglobaler Unfall (oder: die Geschichte eines Siegers)

by Gunnar on 28. April 2008 · 23 comments

(c) ASV

Ob es nun die Konkurrenz des Web ist oder der gefühlte Geldmangel oder die kosmische Hintergrundstrahlung — Zeitschriften und Zeitungen verkaufen sich generell nicht mehr so gut wie im letzten Jahrtausend. Den einen oder anderen Teilmarkt trifft es mehr oder weniger hart, manches Heft feiert überraschende Erfolge, manches Heft wird eingestellt, manche krepeln von Minusrekord zu Minusrekord. Jedenfalls überschlagen sich die Verleger derzeit nicht gerade, neue Magazine mit mutigen Konzepten auf den Markt zu bringen. Verständlicherweise.

Und dann kommt: Humanglobaler Zufall. Hinter dem absurden Namen verbirgt sich eine Idee von Dennis Buchmann, dem Sieger eines Nachwuchswettbewerbs des Axel-Springer-Verlages — dort konnte man Konzepte einreichen und 500.000 Euro Finanzierung für eine neu zu gründende Zeitschrift gewinnen. Kommerzielle Gesichtspunkte sollten ausdrücklich keine Rolle spielen, es ging es um die Schönheit des Konzepts, weniger um den potenziellen Erfolg am Kiosk. Die Jury, mit Leuten wie dem Art Director Mirko Borsche, Jette Joop oder dem Regisseur von Dommersmarck, war denn auch unabhängig und dem Kerngeschäft von Magazinen fern genug, um eine gewisse elitäre Grundhaltung zu gewährleisten.

Soviel zur Vorgeschichte. Das Heft ist mittlerweile erschienen, zum Preis von 5 Euro in hinreichender Auflage* und hochwertiger Ausstattung*. Begleitet immerhin von einer kleinen PR- und Marketingkampagne. Es gab ein paar Presseberichte von den üblichen Verdächtigen und ein bisschen Lob in Medienblogs, aber bislang meines Wissens keine richtige Heftkritik. Die liefere ich jetzt in Kurzform hier mal nach, auch wenn’s sicher kaum jemanden hier interessiert, außer den wenigen Journalisten, die hier mitlesen. Das Blättchen ist aber, meiner bescheidenen Meinung nach, inhaltlich wie konzeptionell eine Katastrophe. Und einer muss doch die Wahrheit sagen.

Das Grundkonzept geht, merkwürdig genug, so: Der Chefredakteur sucht das Thema der ersten Reportage aus. Die folgenden Geschichten handeln dann stets von einem Freund oder Familienmitglied des Protagonisten des vorangegangenen Textes. Das soll das Wirken des Zufalls verdeutlichen und einen roten Faden durch das Heft ziehen. Praktisch sieht das so aus, dass im letzten Absatz der einen Geschichte rasch noch der guten Freund des Protagonisten erwähnt wird, der zufällig gerade anruft und zack! hat man den Helden der nächsten Geschichte eingeführt. Das war’s auch schon, das ist der ganze Gag. Huh. Dazu kommen ein paar thematisch passende, aber eher hilflose Rubriken (Leser erzählen von Zufällen in ihrem Leben; Kleine Zufälle mit großer Wirkung, diesmal: die Mikrowelle). Ich glaube schon, dass sich die Idee auf dem Papier oder beim engagierten Vortrag vor der Jury gut angehört hat — aber selbst wenn sie für ein Magazin reichen würde (was zumindest fraglich ist), ist sie nicht sehr gefällig umgesetzt.

Erstmal zur Gestaltung: Das Design kommt so arrogant zeitungshaft-retrocool daher, dass man keine Einstiegspunkte ins Heft findet und gezwungen wird, strikt von vorne nach hinten zu lesen. Dazu kommt, dass das Cover aussieht wie von einem dieser Designhochglanzwerbehefte, die kostenlos in teuren Hotels ausliegen und über die Armani-Läden und Golfplätze der Umgebung informieren. Ein so sperriges Konzept hätte Unterstützung vom Layout gebraucht, die aber bekommt es nicht: Artikelanfänge sind beim Blättern schwer zu finden, Fotos und Texte nicht intelligent zu funktionalen (oder wenigstens schönen) Einheiten montiert, sondern stumpf hintereinander gestellt. Wie bei einem Buch. Überhaupt würde das Heft als Buch ein bisschen besser funktionieren, aber egal. Das Inhaltsverzeichnis haben übrigens alle Leute, denen ich das Heft gezeigt habe, spontan für eine Anzeige gehalten.

Weiter zum Text: Der (inhaltliche) rote Faden der Geschichten ist allenfalls schwach erkennbar und nur mit Erklärung verständlich, doch das Schlimmste, das Schlimmste sind die Storys selber: Reisereportagen und Berichte auf Journalistenschülerniveau, Schilderungen mit weit aufgerissenen Stauneäuglein, arglose Beschreibungen des Beobachteten — keine Metaebene, keine Raffinesse, keine Interpretation, keine Agenda. Keine interessanten Themen, keine Gesprächspartner, die für irgendetwas stehen, kein Funke Faszination des Fremden. Der Tiefpunkt ist ein Bericht über einen Paraguayer in Baden-Baden, der sich liest wie die Mitschrift einer dieser Auswanderersendungen im Fernsehen. Die ganze Zeit will ich Und? fragen — Und? Warum soll mich das interessieren? Alles siecht auf der Ebene von ich interviewe meinen Freund X. der macht so interessante Sachen im Ausland dahin, ohne Plan oder Ziel. Am besten sind noch die zahllosen Fotos, obwohl auch da keine klare Linie auszumachen ist und das Papier sich nicht besonders für großformatige Bilder eignet. Das ganze Magazin wirkt am Ende irgendwie beliebig. Oder zufällig, womit natürlich möglicherweise der Anspruch eingehalten wäre. Wobei es sicher auch interessante Zufälle zu erzählen gegeben hätte.

Schade eigentlich. Ich hätte gerne gewusst, ob auf Platz 2 oder 3 des Wettbewerbs eine wirklich brauchbare Idee gewesen wäre.

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