Juli 2008

Watchmen

by Gunnar on 26. Juli 2008 · 4 comments

[Achtung Gastautor: Thomas, ein alter Freund des Herrn Kaliban, nutzt von Zeit zu Zeit dieses Forum, um seine Ansichten zu äußern. Thomas ist Urologe und lebt in Holland. Das mag manches erklären.]

Das unverfilmbare Meisterwerk von Alan Moore wird nun also verfilmt. Vom 300-Mann Zack Snyder. Hm.

Eine der faszinierenden Facetten am Comic Watchmen war die glaubhafte Welt, die Perfektion des suspension of disbelief. Reklame, Aktionfiguren, Parfum, Buchexzerpte, Verhaftungsreport und was nicht alles – alles im Watchman zu finden. Das Medium Comic perfekt benutzt, mit Erzählstrukturen auf drei parallelen Ebenen. Nun sieht man, wenn auf youtube ein bisschen schnüffelt, dass es Wettbewerbe für das Erstellen von Reklame im Stil der 80er gab, die man dann wiederum in den Film eingebaut werden soll (“Veidt Parfum”). Eine Art user generated content im Film sozusagen. Das an sich finde ich schon revolutionär und es kommt der Idee des Watchmen mit seiner vollständigen Immersion schon recht nahe. Letztes sah ich Alan Moore in The Mindscape of Alan Moore, und der Meister sagte, dass er ein Magier sei. Erst denkt man, jaja, der Mann ist verrückt. Sieht man ja schon an der Frisur.

Aber nun, auf einem abstrakten Niveau, wenn man Magie als Gedankenkraft sieht und die Fähigkeit, die Realität durch Erzählungen zu beeinflussen, dann, ja dann, ist Alan Moore in der Tat ein mächtiger Zauberer, ein Houdini unserer Tage.

Nach dieser Tangente: Der Film wird ein Brett.

Klickbefehle

by Gunnar on 17. Juli 2008 · 21 comments

dr horribles singalong blog

Schnell Joss Whedons aktuelles Meisterwerk anhören (Bild anklicken), ehe es am 20.7. wieder aus dem Internet verschwindet.

In other news: die BILD mal wieder

Der bebrillte Junge mit der Eule

by Gunnar on 12. Juli 2008 · 10 comments

Tim Hunter

Tim Hunter ist ein normaler, 12jähriger Junge in England, der seine Mutter verloren hat. Er trägt eine Brille und hat schwarze Haare. Nebenbei ist er der potenziell mächtigste Magier der Welt und wird daher von ein paar irren Zauberern unter die Fittiche genommen, damit er nicht der Dunklen Seite anheim fällt. Als erstes schenken ihm die Magier eine Eule als Schoßtier, dann beginnt eine wilde Reise in die Welt der Magie.

Kommt das jemandem bekannt vor? Klingt das wie eine schlechte Harry Potter-Kopie? Ist es aber nicht, Neil Gaiman erfand Tim Hunter bereits Anfang der Neunziger für eine Comic-Miniserie — Harry Potter Band 1 hingegen erschien erst 1997. Wenn man Übles denken wollte, könnte man Frau Rowling vorwerfen, sie hätte sich bei Herrn Gaiman inspirieren lassen. Gaiman wischte das Thema aber selber vom Tisch: “I wasn’t the first writer to create a young magician with potential, nor was Rowling the first to send one to school.”*

Das alles ist übrigens schon eine alte Sache, das Gaiman-Zitat stammt aus dem Jahr 2000. Ich kam nur grad drauf, weil ich in einer Sekunde der Muße in meinen Comics gestöbert und die Books of Magic mal wieder zur Hand genommen habe. Die Geschichte selber hat dann mit den Potter’schen Pubertätserlebnissen nicht allzu viel zu tun — Tim Hunter wird von DC-Recken wie dem kettenrauchenden Trenchcoat-Träger John Constantine unterichtet (anstatt auf ein Magierinternat mit lauter gleichaltrigen Mädchen gehen zu dürfen), trifft Königin Titania vom Elfenland, pflegt enge Bekanntschaft mit einem Succubus und erschafft en passant einen Haufen Parallelwelten, was die ohnehin komplexe Handlung weiter erschwert.

Ist nicht direkt mein Lieblings-Gaiman, aber durchaus lesenwert. Hier kaufbar.

Zither Hero

by Gunnar on 11. Juli 2008 · 18 comments

Falls es jemanden interessiert, ich war vorhin zu Gast beim “Tagesgespräch”, einer Sendung des Bayrischen Rundfunks, die im Radio (BR 2) und im TV (BR Alpha) live übertragen wird. Ist eine klassische Call in-Sache — Moderator und Gast unterhalten sich, Zuschauer können anrufen und ihren Senf dazudrücken. Thema diesmal waren Videospiele. Aus Spieleexpertensicht ist das naturgemäß nicht tiefgehend — BR 2 hat ein Zielpublikum, das im Durchschnitt knapp 60 Jahre alt ist und dem Thema entsprechend fern steht. Hätte also schief gehen können, aber der Moderator Achim Bogdahn war exzellent vorbereitet, und es haben ununterbrochen Leute angerufen, die zudem alters- und vorbildungsmäßig sehr gemischt waren: junge Spieler, ältere Nicht-Spieler, ängstliche Mütter, vorurteilsfreie Väter, alles dabei.

Mir hat’s echt viel Spaß gemacht. Wer’s sich anhören mag, kann das bei den Jungs von BR-Online tun.

Dauert eine knappe Stunde (ohne Werbung, natürlich), aber es lohnt sich durchzuhalten, bis die freundliche alte Dame anruft, die sich als “spielsüchtig” bezeichnet — sie spielt so gerne Zither.

Was ich auch noch nicht wusste: Der Moderator hat bei so einer Sendung einen Touchscreen vor sich, auf dem er die Anrufer sieht: Name, Ort und einen Satz als kurze Einschätzung des Redakteurs im Hintergrund. Auf Basis dieses Vorwissens kann der Moderator live entscheiden, wen er wann einspielt — und wen vielleicht auch nicht. Zudem kann die Redaktion ein Popup-Fenster mit Anregungen einspielen: Sowas wie Nimm doch als Nächsten die Nummer 3 dran oder so. Ganz interessant. Radio-Magie.

Art and Danger of Communication

by Gunnar on 7. Juli 2008 · 12 comments

Eine alte Theorie von mir, die ich aus beruflichem Überlebenswillen eigentlich nie in der Öffentlichkeit äußere, ist, dass in den so genannten Kommunikationsberufen viele der Aufgaben eigentlich zu leicht sind — vieles könnte eigentlich auch von Praktikanten oder gut trainierten Schimpansen erledigt werden. Kein Wunder, dass man in vielen Agenturen schon nach einer Woche Mitarbeit eine tragende Rollen ausfüllen kann, was die Agenturen wiederum dazu verführt, ihr Kerngeschäft gänzlich in die Hände von mit zwei Äpfeln und einem Gratis-T-Shirt bezahlten Praktikanten zu legen, was wiederum zu Aufständen, Überschwemmungen in Oberbayern und Schändungen von Jungfrauen führt. Vermutlich. Was man jedenfalls in Kommunikationsberufen können sollte, wenn man schon nicht am offenen Herzen operieren, Dinkelbrot backen oder sonstwas Nützliches kann, ist das Instruieren von spezialisierten Dienstleistern, das so genannte Briefen. Die spezielle Unfähigkeit beginnt auf den untersten Ebenen (Äh, der Kunde will da so eine Broschüre, so wie die hier. Könnt ihr das?) und manifestiert sich in seiner reinsten Form in der Person des Marketingleiters (Das gefällt mir nicht. Macht das anders. Wie anders? Na, anders.).

Ich würde mich ja selbständig machen, als Autor des Standardwerks Briefing für Vollpfosten oder als Inhaber der Agentur Be Brief, die für kommunikationsbehinderte Angestellte mit Leitungsfunktion die eigenen Mitarbeiter oder die Horden der in kreativer Armut dahinsiechenden Freelancer mit konkreten Arbeitsanweisungen versorgt. Aber das funktioniert nicht — die Leute denken ja, sie würden super briefen und die Dienstleister wären schuld.

Ach, die Welt.

Blogger nutzen 10 Mal häufiger “Ich” in ihren Texten als Journalisten. Rufzeichen werden doppelt so oft gesetzt, Anglizismen vier Mal so häufig.

Schrub neulich* das Handelsblatt, zitierend aus einer “Untersuchung” von Christoph Moss. Ach. Sportjournalisten nutzen häufiger das Wort “Abseits” als Opernkritiker. Na sowas. Okay, ich habe den kompletten Artikel nicht gelesen, weil ich das Handelsblatt nicht extra dafür kaufen mochte, aber: Musste man für derlei Erkenntnisse eine Untersuchung machen? Blogger sind qua Medium nerdig und schreiben oft über das Internet, da lassen sich Anglizismen, wie etwa, nun, “nerdig”, eben schlechter vermeiden als in Leitartikeln über den Zustand der SPD, wozu einem so überhaupt gar keine Anglizismen einfallen wollen. Und natürlich schreibe ich in meinem Internet-Tagebuch (sic!) häufiger “ich”, weil das ja, will man die Begrifflichkeiten aus dem klassischen Journalismus aufpropfen, eher Kolumne als Bericht ist. Und natürlich verwendet man häufiger Rufzeichen, weil es eben mehr um Meinung als um distanziertes Faktenaufzählen geht.

Ohnehin Blödsinn, diese ganzen Betrachtungen der Bloggerei. Einerseits bauscht man die Szene als Nebenjournalismus auf, was hierzulande eher nicht zutrifft — mit Ausnahme des Bildblog gibt es keine wirklich relevanten journalistischen Blogs. Ein paar bringen es zu Strohfeuerruhm in den Medienmedien, die Klickzahlen allerdings bleiben schwach: Selbst ein täglich geupdatetes Profiblog mit mehreren Autoren wie Spreeblick schafft kaum mehr Traffic, als, sagen wir, das halb-private Xbox-Blog meines Freundes Boris. Weil man sie aber eben hochgejazzt hat, kann man dann genüsslich drangehen, sie wieder zu demontieren, weil sie den Anspruch, den etablierten Journalismus zu ersetzen, natürlich nicht erfüllen können. Oder nur in wenigen Feldern.

Alles nur Hype und Anti-Hype.

Man sollte Medien nie trauen, wenn sie über Medien berichten.

* “neulich” hier im selten gebrauchten Sinne von “vor ein paar Monaten, ungefähr im April”. Ahem. Ich bin eben nicht so schnell wie andere Blogs.

Gib mir ein Zeichen!

by Gunnar on 1. Juli 2008 · 6 comments

Es gibt ja diese alte Theorie, dass man Babys, bevor sie zu sprechen anfangen, eine simple Zeichensprache beibringen kann. Man kann sich das ganz gut vorstellen: Die Kleinchen bekommen relativ schnell raus, dass sich die Chance, von Papa auf den Arm genommen zu werden, quasi exponentiell erhöht, wenn sie die Ärmchen ausstrecken und große Augen machen. Funktioniert schon lange, bevor sie das Schauspiel mit dem leicht quengelnd vorgetragenen Wort Aaaaarm! untermalen können. Unsere Tochter etwa, das Goldkindtm, hat ganz ohne fremde Hilfe ein Zeichen für Gib mir mal den verdammten Schnuller entwickelt. Dazu legt sie einen Arm ans Ohr und die Hand auf den Kopf, ganz als wollte sie diese Bewegung machen, mit der man früher geprüft hat, ob Kinder schon schulreif waren — wer mit dem Arm über den Schädel das Ohr auf der anderen Seite ergreifen konnte, war reif für höhere Bildungsweihen. Absurd. Aber so waren die Zeiten damals, als man noch keine Computergestützten Einstufungstests machen konnte.

Hmmm, ich schweife ab. Also, das Goldkindtm kommt natürlich nicht ans andere Ohr, sie soll ja auch erst 2014 in die Schule. Aber sie macht die Bewegung immer, wenn sie den Schnuller will, wobei sie aber noch den Kopf zum Arm dreht. Und wir, freudig erregt über jedes deutbare Zeichen, denn es gibt ja auch genügend Gelegenheiten, wo man ums Verrecken nicht weiß, was das Wechselbalg will, eilen uns, ihr den Nuckel in den Mund zu stecken. Mission accomplished, Elterndressur gelungen. Es hat uns aber ein paar Tage der Beobachtung gekostet, herauszufinden, wie die Kleine überhaupt auf diese merkwürdige Bewegung kam: Wenn der Schnuller noch im Mund war, durch allzu energische Zungenbewegungen oder die generelle Tücke der Schwerkraft aber herauszufallen drohte, ließ sich mittels Drehen des Kopfes und Andrücken des Nuckels mit dem Arm zuweilen eine Stabilisierung der Lage erreichen. Das verselbständigte sich dann über die Zeit zu einem abstrakten Zeichen. Schräg, irgendwie.

Kinder sind komisch.