Wenn man geschäftlich mit dem Flugzeug reist, dann fällt man aus der Welt. Das richtige Leben verblasst, die normalen Leute werden ersetzt durch blauhemdige Anzugträger mit polierten Schuhen und bunten Krawatten. Plötzlich spricht um einen herum keiner mehr vernünftiges Deutsch, alle bellen nur noch ihr schlechtes Englisch in ihre Blackberrys (Ve hav to do zat today, you understand me, today!) oder fallen gleich in dieses merkwürdiges Business-Denglisch (Wenn ich wieder im Office bin, muss ich einen Call machen), das offenbar mittlerweile der akzeptierte Code ist, an dem sich die B-Liga von Managern untereinander erkennt. Noch surrealer wird das Ganze durch die absurde Gleichförmigkeit von Flughafen-Lobbys und Firmen-Meetingräumen, die offenbar irgendwo, möglicherweise in der Hölle, zentral designt werden. Überall die gleiche gefilterte Luft, überall der gleiche Sound aus Klimaanlagensurren und Fahrstuhlmusik.
Wenn ich geschäftlich verreise, falle ich aus der Welt. Ich stehe dann immer so neben mir, schaue mir zu, wie ich Mails auf dem Blackberry abrufe, einen Latte Macchiato to go kaufe, mir am Ziel im Konferenzraum Wasser einschenke – und kann nicht anders, als mir wie in einer Scharade vorzukommen. Viele meiner aushäusigen Verabredungen ließen sich mit beiderseitigem Willen zum Resultat auch per Telefon und Mail regeln –- und ich vermute stark, dass das den anderen Reisenden ebenso geht. Nichtsdestotrotz verstopfen wir alle morgens und abends die Flughäfen und halten das Taxigewerbe am Leben. Warum das alles? Nun, meine Diagnose ist: Es gibt offenbar Leute, die Meetings für sinnvolle Arbeit halten, die nach acht Stunden selbstgefälligem Egotext-Austausch in Besprechungszimmern mit dem Gefühl nach Hause gehen, ordentlich was geschafft zu haben. Die Meetings nicht als einzudämmendes notwendiges Übel wahrnehmen. Vermutlich sind das dieselben Leute, die es cool finden, im Anzug auf der Flughafenrolltreppe zu stehen und wichtig die Assistentin anzurufen, um nachzuhorchen, ob in der Company alle Projects auch wirklich on time fertig werden. Ach. Zum Schreien, manchmal.
Hätte ich eine eigene Firma, ich würde ein Zeiterfassungssystem einführen und den Meetingraum nur zugänglich machen, wenn man sich vorher ausstempelt. Somit fänden alle Meetings in der Freizeit der Meetenden statt. In kürzester Zeit wären alle wieder bei Mail und Telefon. Zack.
Aber ich habe keine eigene Firma. Vielleicht fehlt mir das Business-Gen.

Naja, auf 80% der Meetings trifft das sicher zu. Aber ab und an gibt es auch mal welche, aus denen man wirklich mit dem tollen Gefühl rausgeht, etwas geschafft zu haben oder zumindest einen Mehrwert zu haben. Allerdings auch nur, wenn in solchen Meetings in meinem Fall zumindest nur die Menschen sitzen, die technisch mit dem Thema zu tun haben und nicht nochmal alles erklärt bekommen müssen bzw. die Machbarkeit von Vorstellungen recht gut einschätzen können oder denen im Falle der Nichtmachbarkeit kein “Aber das muss doch gehen![Pseudowissenvorschlag hier einfügen]“.
Und mit 3 Leuten, die man wirklich brauch in einer Telefonkonferenz zu sitzen ist auch nicht so das Wahre. Bitte differenzieren ;)
Bei Meetings mit Ortswechsel ist der Anspruch sicher nochmal höher.
Immerhin sind Meetings mit kulinarischen Anspruch sind indes schon lohnend.
*jetzt mal aufhört mit plappern*
Oh, könntest Du noch einen allgemeinen Feed für Kommentare einrichten? Das wär super.
Ach, Herr Lott, das war jetzt aber gut. Habe eben so sehr zustimmend mit dem Kopf genickt, das mich Kollegen besorgt gefragt haben, ob ich denn so eine Art Anfall oder so hätte.
Danke für den Text!
Viele kleine Business Kasper.
Ich reise auch oft fuer die Firma um die Welt, habe Meetings, verschwende oft Zeit.
Aber es gibt Faelle, wo eine Zusammenarbeit per Telefon unmoeglich scheint und eher auf Widerwillen bei beiden Partnern stoesst und bei einem persoenlichen Treffen scheinen die Barrieren dann voellig zu verschwinden.
Es gibt sie noch, die kleinen, unerforschten, in keinem Business-Ratgeber der Welt aufgeschluesselten Nuancen, die ein Treffen in einem Raum unerlaesslich machen. Es ist viel, aber nicht alles heisse Luft.
Es hilft durchaus, Leute, mit denen man öfters geschäftlich zu tun hat, zumindest einmal auch kennenzulernen. Mir zumindest. Man kann sein gegenüber dann besser einschätzen. Meetings, Jour fixe oder sonstige aufgezwungene Zusammenkünfte zwischen Abteilungen, die angeblich der besseren Kommunikation dienen sollen, sind in mindestens 80 % der Fälle reine Selbstbeweihräucherung, in keinster Weise zielorientiert und somit eigentlich überflüssig. Ich war ja schon immer der Meinung, dass die Wirtschaft um einiges produktiver wäre, würden wir alle unsere Meetings auf ein Minimum beschränken und stattdessen einfach miteinander kommunizieren, wenn es auch etwas zu sagen gibt. Aber: Mitmachen ist Pflicht! Sonst gilt man schnell als Griesgram, Verteiler negativer Energien und was noch schlimmer ist: teamunfähig! Das will doch keiner!
Immerhin kann man sich mit dem Gedanken trösten, dass Mitarbeiter-Meetings zumindest einigen Leuten das gutes Gefühl gibt, auch mal etwas produktives angedacht zu haben. Außerdem wurde so das Bullshit-Bingo erfunden, das ist doch mal was positives.
“…da bin ich ganz mit Ihnen, Herr Lott.”
;) Bin ich froh, daß sowas nicht nur mir auffällt.
Was mir noch auffällt: Neues überproportional häufiges Lieblingswort hier im Blog: “absurd”. Würde mir nichts ausmachen, wenn ich nicht dazu tendieren würde, es (auch zu oft) zu übernehmen, weil’s so schön oft paßt.
Ich glaube ja eher es, dass es ich bei der treffend beschriebenden Meetingplage um eine Mischung aus drei ganz anderen Phänomenen handelt:
Zum einen wäre da der weit verbreitete Irrglaube, dass viele ehrlich arbeitende Menschen schlichtweg annehmen, die jeweils anderen würden erwarten, zu jeder Kleinigkeit zu einem persönlichen Gesprächen geladen zu werden.
Zum zweiten hat man oft den Eindruck, dass durch Ansetzen von Besprechungen nicht vorhandene Wichtigkeit vorgetäuscht wird. Wer zum Meeting lädt, ist immer wichtig, oder nicht?
Und last, but definitely not least, werden häufige Besprechungen aller Art auch weiterhin gerne von jener ganz speziellen Spezies vollkommen talent- und nutzfreier Projekt-/Gruppen-/Sonstwas-Leiter angesetzt, die außer “Leiten” (hallo liebe Diplom-Kommunikations-Designer und Konsorten mit ähnlich verschwurbelt sinnfreien Titeln) nichts gelernt haben, und durch die Einberufung von möglichst häufigen Besprechungen 1. Ihre berufliche Existenz zu rechtfertigen, und 2. die Ideen der tatsächlich arbeitenden Kollegen und -innen abzugreifen versuchen. Um sie dann ebenso selbstredend wie umgehehend eine Etage höher als eigene zu verkaufen.
Daneben gibt es sicher noch verschiedene Sekundärmotivationen wie allgemeine Arbeitsscheu u.ä. aber das würde vielleicht zu weit führen.
Deine Worte treffen den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf, Gunnar.
Ich bin Eigentümer und auch Leiter einer mittelständischen Firma.
Ich lade immer noch zu “Gesprächen” oder auch schon mal zu “Treffen” in unserer “Firma”. Es gibt ja auch durchaus Gründe das “Geschäft” “gemeinsam” zu betrachten.
(Warum ich das alles in Anführungszeichen setze? Vermutlich, da die ganzen “Bullshit-Bingo-Key-Account-Business-Manager” das sonst nicht mehr verstehen. )
Ich sehe das ähnlich, wie das hier ja auch schon vor mir vermutet wurde:
Durch dieses beschriebene lächerliche Verhalten wird in der Regel einfach eine (Pseudo)Wichtigkeit erzeugt.
Worthülsen sind halt durch Anglizismen eher zu verschleiern und hören sich dabei auch noch sowas von wichtig an.
Da telefoniert man gelegentlich mit irgendwelchen Auszubildenden, die das “Date” mit ihrem “Team Leader” “canceln” und dabei “so sorry” sind. (Häufig spare ich mir dadurch dann die nächste nichtssagende PowerPoint Präsentation. Übrigens auch so eine Sache, die typisch ist, aber das führt jetzt hier wohl zu weit.)
Wer sich bei uns bei einem Vorstellungsgespräch in solch einer Art und Weise präsentiert, kommt über eine freundliche aber endgültige Absage nicht hinaus.
Zum Handy: Als jemand, der noch Telefone mit Wählscheibe real erlebt hat, frage ich mich oft, wie wir damals überhaupt in der Lage waren auch nur irgendetwas organisiert zu bekommen.
Irgendwie ging das.
Wenn meine Frau mir nicht vor drei Jahren so einen Pestknochen geschenkt hätte, wäre ich heute noch ohne “Mobiltelefon”. Meist gehe ich ohnehin nicht dran, es sei denn es ist entweder jemand aus der Familie oder es ist ausnahmsweise auch geschäftlich mal wirklich wichtig.
Im besten Falle ist es amüsant diese Businesstypen zu beobachten und sich zu freuen, dass sie für jemand anders arbeiten. :-)
Hallo Thoro,
kann man sich bei Ihnen für einen Management-Posten bewerben?