Die blöde Huffington Post und andere Vorurteile

by Gunnar on 16. Oktober 2008 · 4 comments

Eigentlich sollte dieser Beitrag ein Teil der Donnerstagslinks von heute morgen werden, er ist aber ein bisschen länger geraten und hat eine eigene Überschrift verdient.

Es geht um diesen Artikel von Prof. Dr. Michael Haller, der in der Journalistenzeitschrift Message über die Blogosphäre schreibt. Ich zitiere mal zum Einstieg das Intro:

Viele Blogger sehen sich als die neuen Journalisten: diskussionsoffen und realitätsnah. Die Recherchearbeit aber überlassen sie lieber den Mainstream-Medien – und erregen sich über deren Fehler.

Herr Haller macht sich da einer Ungenauigkeit schuldig, was aber auch am Selbstverständnis der Bloggerszene selber liegt — weil die, berauscht von Recherche eines Bildblog oder der Präzision des Spiegelfechters oder der schieren Zahl der Grimme-Preise, sich ständig als die Zukunft des Journalismus ausgibt, wird gerne vergessen, dass es allenfalls um Meinungsjournalismus geht. In Blogs entstehen kaum Reportagen, klassische Recherchestücke, tiefe Berichte — in Blogs schreiben Leute mehr oder minder fundiert ihre Meinung, Kolumnen, Glossen und Kommentare, um bei den Fachtermini des Redaktionswesens zu bleiben. Das ist der interaktiven Form angemessen, das lässt sich nebenberuflich leisten, das hat seinen Wert. Das beliebte und auch bei Haller wieder vorkommende Contra-Argument “Die faulen Blogger machen nix selber, sondern setzen immer auf den etablierten Medien auf” geht da voll ins Leere. Es kann auch nicht das Ziel eines Blogs sein, tiefer zu recherchieren als ein Spiegel-Reporter, es ist viel wichtiger, die Aussagen der etablierten Medien zu hinterfragen, internationale Quellen zu vergleichen und vielleicht aufzuzeigen, dass die Stoßrichtung bestimmter deutscher Medien bei bestimmten Themen vielleicht eher durch Weltanschauung als durch Faktenkenntnis geprägt ist.

Was mich aber fast noch mehr aufregt: Der Autor zeigt ganz korrekt die (durchaus vorhandene) Relevanz großer US-Blogs auf…

“[…] ist die Huffington Post, ein von Arianna Huffington eingerichteter Gemeinschaftsblog, der für seine Nachrichtenauswahl journalistische Qualitätskriterien reklamiert – und inzwischen mit mehr als 25.000 Links (laut Technorati) als Amerikas einflussstärkster Blog gilt.”

….vergisst aber beim gern genommenen Vorzeigebeispiel Huffington Post zu erwähnen, dass Frau Huffington auch mal eben einen sechsstelligen Dollarbetrag in ihr Projekt pumpen kann, weil ihr Ex-Ehemann auf ein paar Ölmillionen sitzt.

Das ist ein bisschen so, als würde in Deutschland die nicht völlig unbekannte und gar nicht schlecht vernetzte Journalistin Doris Schröder-Köpf sich von ihrem Mann ein paar Gazprom-Schecks borgen, um ein, huh, total UNABHÄNGIGES Politblog zu starten. Nennen wir es Schröder|Berlin. Für das dann natürlich neben ein paar engagierten Individualisten auch, sagen wir, etablierte Berlin-Beobachter wie Prantl, Osang, Hofmann schrieben. Hätte das Ding die Aufmerksamkeit der Mainstream-Journaille? Sicher. Wäre es das wichtigste und größte deutsche Blog? Klar.

Wäre es die Zukunft des Journalismus? Natürlich nicht.

Aber egal, ich bin ja bloß neidisch, weil meine Frau keine Ölmagnatin ist und ich folglich nicht das Spielgeld habe, um die Blogosphäre in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Aber weiter im Text, nachdem wir nun wissen, dass in den USA alles besser ist, kommt Herr Haller auf Deutschland zu sprechen:

“Vor zwei Jahren ergab eine international vergleichende Studie, dass in der deutschen Bloggerszene eine ausgeprägte Selbstbezüglichkeit vorherrsche. Mehr als in anderen Ländern würden hier die Blogger häufiger über das schreiben, was andere Blogger gesagt haben. […] Man denkt dabei an eine um Selbstfindung bemühte, sich krampfhaft abgrenzen wollende Gegenwelt, wie man sie eher von jugendlichen Peergroups kennt. […] Längst existiert in der Bloggerszene auch eine abgehobene, sich wechselseitig zitierende, mitunter eitel bekrittelnde Elite (auch wenn man dort diesen Begriff nicht mag), die sich ihre Themen und Thesen wie Bälle zuspielt.”

Das ist natürlich nicht falsch — die elende Selbstbezüglichkeit der so genannten A-Blogger geht mir schon lange auf die Nerven. Die lesen sich gegenseitig, saugen Pseudo-Bedeutung aus der Interverlinkung. Ich hab’s schon mal erwähnt: Das Blog von Boris Schneider-Johne ist in der Bloggerszene unbekannt und unverlinkt, macht aber mehr laut Alexa mehr Traffic als die Flaggschiffe Basicthinking oder Spreeblick. Weiß keiner, weil Boris nicht auf Bloggerkongressen über die Zukunft des Mediums spricht, sondern vor allem an sich und seine Leser denkt. Aber das ist ja alles auch nicht so wichtig. Man darf halt nur nicht den Fehler begehen, die Leutchen, die auf jedem Podium sitzen, für die deutsche Bloggerszene zu halten.

Ach, und ich muss auch noch mal auf die journalistischen Qualitätskriterien zurückkommen, das ist so ein Mythos, mit dem gerne versucht wird, Blogs in die Amateurecke zu stellen — seien wir doch mal ehrlich, wenn man sich im deutschen Journalismus an allgemein anerkannte Qualitätskriterien halten würde, hätte selbst ein Leitmedium wie SpOn pro Tag ein Drittel weniger Geschichten.

Und die gedruckte BILD dürfte gar nicht mehr erscheinen.

Aber egal, der Beitrag ist, bei aller Kritik, ziemlich interessant — ich empfehle den Download der ganzen Ausgabe von Message als PDF.

Passend zum Thema (via SN): Why I blog von Andrew Sullivan

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